Montag, 20. März 2017

Und nun, Europa?

Die Rechtspopulisten sind auf dem Vormarsch. Sind sie das wirklich oder erheben sie jetzt nur ihre Stimme und werden laut?
Geht wirklich so eine Gefahr von ihnen aus?
Ich denke ja.
Zumindest die kommende Wahl in Frankreich und die Möglichkeit das Madame Le Pen viele national gesinnte Menschen mobilisieren könnte macht mir als eingeschworene Europäerin ein wenig Angst. Der Brexit war noch zu verschmerzen (tut trotzdem weh), haben doch die Briten schon immer ihr eigenes Stew geköchelt, aber Frankreich?
Zwar bin ich mehr anglo- als frankophil, aber der Exit der Franzosen würde das Schiff Europa versenken, wenn nicht mindestens auf Jahre manövrierunfähig machen.
Das würde in die Hände von sowohl Trump als auch Putin in die Hände spielen, aus teils verschiedenen, aber auch teils identischen Gründen. Beiden liegt nichts an einem starken Europa.
Dabei schwächelt Europa gerade. Wenige sind bereit sich für ein weiteres Fortbestehen des europäischen Staatenbundes einzusetzen.
Nein, auch ich habe an manchem Zweifel und an vielem, berechtigte, Kritik. Aber deswegen das Kind gleich mit dem Badewasser ausschütten?
Ich bin alt genug, um mich noch an die Anfangszeit zu erinnern. Aus den Erzählungen meiner Eltern und denen meiner Verwandten war mir Krieg, Not, Vertreibung, Hunger nur allzu bekannt, auch wenn ich so etwas nie selbst persönlich erlebt habe.
Grenz- und Zollkontrollen waren lästig, führten zu langen Wartezeiten an den innereuropäischen Grenzen.
Es gab die ersten Eurovision Sendungen, wem der Name Kuhlenkampff  (*Einer wird gewinnen*) noch etwas sagt, weiß von was ich spreche. Ein Niederländer namens Carrell versammelte mit verschiedenen Showformaten die Familien vor der (Schwarz/Weiß) Glotze.
Nein, wie man meinen Schilderungen vielleicht entnehmen kann bin ich keine 20 mehr. Um so mehr freut es mich, dass es bei der neu entstandenen Bewegung *Pulse Europe* auch junge Menschen auf die Straße treibt, um für den Erhalt der Staatengemeinschaft zu demonstrieren. Die schon aus ihren eigenen Erfahrung Europa schätzen und erhalten wollen. Papa Italiener, Mama Schwedin, Familie lebt in Deutschland, studiert wird in Paris, der Bruder arbeitet in Österreich usw usf. Für die es normal ist frei zu reisen, die einen internationalen Freundeskreis haben.
Auch wenn die Nationalisten dagegen anschreien, auch wenn die Idee eines vereinten Europas Federn gelassen hat, so ist es eine schützenswerte, eine ausbaufähige Idee.
Auch wenn man, wie ich, der Osterweiterung sehr kritisch gegenüberstand und steht, sich dadurch immense Probleme aufgetan haben - und damit meine ich nicht finanzielle Seite, sondern die im Wertegefüge, auch wenn Banken und Manger jede Menge Schaden angerichtet haben, so bleibt die Grundidee:
Frieden. Freiheit. Gemeinschaft.
Noch nie hat Europa so lange ohne bewaffneten Konflikt im Innern bestanden. Noch nie konnten seine Bürger so frei reisen - bis zu den furchtbaren Terroranschlägen.
Und schon schrieen die Rechtspopulisten ihre einfachen Slogans, ihr Lösungen in alle Richtungen,.
Nur sind ihre Lösungen kein Weg: Oft stehen diese angedachten *Lösungen* sogar gegen Gesetze. Vor allem bei uns Deutschen. Die Väter unseres Grundgesetzes waren gar nicht so doof. Um es einmal salopp auszudrücken. Zwar können manche Artikel des Grundgesetzes mit einer 2/3 Mehrheit geändert werden, andere aber noch nicht einmal mit dieser Mehrheit:

Die Ewigkeitsklausel ist in der BRD eine Regelung in  Artikel 79 Abs. 3 des Grundgesetzes (GG), die eine Bestandsgarantie für verfassungspolitische Grundsatzentscheidungen enthält. Die Grundrechte der Staatsbürger, die demokratischen Grundgedanken und die republikanisch-parlamentarische Staatsform dürfen auch im Wege einer Verfassungsänderung nicht angetastet werden. Ebenso wenig darf die Gliederung des Bundes in Länder und die grundsätzliche Mitwirkung der Länder an der Gesetzgebung berührt werden. Auf dieselbe Weise sind auch die Würde des Menschen und die Gesamtstruktur der Bundesrepublik als die eines demokratischen und sozialen Rechtsstaates geschützt. Artikel 79 Absatz 3 GG lautet:„Eine Änderung dieses Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in den Artikeln 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig.“Mit dieser Regelung wollte der Parlamentarische Rat den Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus begegnen und naturrechtlichen Grundsätze in Form der Menschenwürde  mit einer zusätzlichen Sicherung versehen. Durch diese Ewigkeitsklausel ergibt sich selbst innerhalb des Grundgesetzes eine Normenhierachie. Bis zu einer Ersetzung des Grundgesetzes durch eine andere Verfassung Art. 146  GG)[ kann die Ewigkeitsklausel nach heute herrschenden Strömungen nicht aufgehoben werden. Die Bezeichnung Ewigkeitsklausel selbst steht nicht im Grundgesetz, sondern gehört eher der juristischen Umgangssprache an.
Und das ist gut so. Wer hätte gedacht, dass es einmal wieder so weit kommt, dass die Kurzsichtigen (Nationalisten) wieder laut werden? Auch wenn sie laut sind - sie sind bei weitem nicht die Mehrheit. Sie haben aber die Macht großen Schaden anzurichten, weil es zu viele gibt, die ihre Rechte als selbstverständlich nehmen. Weil es zu viele gibt, die denken, es ginge sie nichts an, sie könnten eh keinen Einfluss nehmen. Sie bezeichnen sich selbst als Stimmvieh. Vielleicht sind sie es auch - wenn sie sich selbst dazu machen.
Demokratie ist kein Ponyhof und freiheitliche Rechte schätzt mancher erst, wenn er sie nicht mehr hat. Dass man etwas dafür tun muß ist zwar unbequem, aber nicht zu vermeiden.
Ich bin in Deutschland geboren, bin sogar über Generationen *dem deutschen Volke zugehörig*, ich mag dieses Land. Ich sehe die herrschende Politik und bin auch mit manchem nicht einverstanden. Aber die Mehrheit der Wähler anscheinend schon. Nun, dann füge ich mich.
Als Deutsche fühle ich mich nicht schuldig, was unserer Vorväter und -mütter verbrochen haben, aber ich erkenne die Verantwortung, die mir aus ihren Taten erwächst. Mit Schuld hat das wenig zu tun. Mein Pass ist deutsch, aber als allererstes bin ich Mensch, dann Frau, dann Demokratin, dann Europäerin. Wenn mich jemand fragt:
"Ja. hast du denn gar keinen Stolz, gar kein Nationalbewusstsein?"
Als Exilbadenerin und Beuteschwäbin muss ich da sagen - "Ich liebe meine Heimat, aber stolz bin ich nur auf das, was ich selbst geleistet habe." 

Lasst die Idee *Europa* nicht sterben. 



Donnerstag, 2. Februar 2017

Seife, wir brauchen mehr Seife!

Seife.
Als ich Kind war roch es oft mal nach Kernseife. Seit dem ich Kind war, weiß ich wie Seife schmeckt. Und ich roch dann auch nach der Seife, denn meine Oma war eine sehr resolute Frau und wusch einem den Mund mit Seife aus, wenn man schmutzige Worte in den selbigen nahm.
Ihre klauenartigen Finger krallten sich an dem kindlichen Hals fest und schleiften den Besitzer des Schandmauls zum Spültisch - gibt es heute nicht mehr. Irgendeine Art Stein, zu einem flachen Becken geformt mit einem etwas erhöhten Ablauf. Im Becken stand ein Plastikbecken, in der Wand, in einer kleinen Nische lauerte das Grauen:
KERNSEIFE. Sie hatte die selbe hässliche Farbe wie die Wandkacheln - irgendein undefinierbares graugelbbraunes Etwas. So wie schon x-fach gegessen und verdaut.
Kein Zappeln half, kein Greinen. Wenn man sich zu heftig wehrte schlug man mit dem Kopf am Stein an. Nun. Sie war damals einfach die Stärkere. Wer einmal mit Kernseife den Mund ausgewaschen bekommen hat flucht nicht mehr in der Nähe des Seifeninhabers.
Es wäre mir ein Fest meiner Oma dabei zuzusehen, wie ihre kleine, drahtige Gestalt auf den amerikanischen Präsidenten zurast, die Füßchen mit den geschwollenen Knöcheln kaum den Boden berührend. Wie sie diesen Koloss erklimmt, die Fingernägel in den weichen Hals schlägt und ihm die Kernseife in den Mund rammt. Und dabei in einem fort in ihrem böhmische Dialekt in einer Tour schimpft: Du Balg, du Gör, du *Bagahsch*. Er, mit aufgerissenen Augen, realisiert gar nicht wie ihm geschieht.
Wenn sie mit ihm fertig wäre wüsste er nicht was für ein Omafrettchen ihn angefallen hätte, aber der Schaum vor dem Mund würde ihn als den tollwütigen ***** outen der er ist.
Na ja, Oma ist schon lange tot. Und man hätte sie erschossen bevor sie auch nur einen cm an ihn ran gekommen wäre. Sie reiste nur einmal. Nach dem 2. Weltkrieg vom Böhmerwald heim ins Restreich.
Oder aber sie würde ihm huldigen. Wie einst dem Führer.
Seufz.
Aber wir brauchen mehr Seife. Nasse Seife. Eine kleine Armee schaumiger, klitschiger, nach Vanille riechender Seife. Ihr wisst schon, diese kleinen Seifen. Geformt wie Rosen. Immer gerne auf der Gästetoilette drapiert, bis es jemand wagt sie zu benützen. Worauf die, auf diese Weise geschändete, Seife von der pikierten Hausfrau entsorgt wird.
Wenn sich nun all die, von pikierten Hausfrauen entsorgten, weil geschändeten Dekoseifen, wutschnaubend auf einen Rachefeldzug begeben würden, so wünschte ich mir eine kleine ausgemusterte Kernseife, die diese Horde als Khan anführen würde.
Die Vorstellung wie diese kleinen, klitschigen Kerlchen sich an Terppenabgängen auf blinkenden Marmor unter die ledernen Sohlen der mächtigsten Männern und Frauen schmuggeln und diesen einen letzten, unglaublich aufregenden Moment ermöglichen - hach. Ich sehe die göttliche Meryll Streep in *Der Tod steht ihr gut* die weit geschwungenen Treppe hinuntersegeln, ähm stürzen. Genau diese Szene.
Seifen, wir brauchen mehr Seifen!
Um all den Dreck aus der Welt zu schrubben. Von den Pinnwänden der sozialen Medien, aus den Köpfe der Verblendeten.
Seife.
Wenn es nur so einfach wäre.


Sonntag, 1. Januar 2017

Taktung und anderer Kram

Neues Jahr.
Alles neu.
Oder?
Nö.

Eine lange Schreibpause liegt hinter mir. Ausbildungsende, Jobanfang, ein unerwarteter, für mich sehr schmerzhafter Verlust, alles wurde mir zuviel. Das Jahr rast an mir vorbei und das Leben verwirbelte mich.

Und doch blieb mir viel Zeit zum Nachdenken. Ich zog mich, ohne es bewusst zu tun, auf einen inneren Felsen zurück und betrachtete das Meer des Lebens um mich, in dessen Strömung ich und mein Umfeld trieben, schwammen, untertauchten, umhertollten, uns abstrampelten um nicht unter zu gehen.

Mein Felsen ist kein Felsen, eher ein Floss.
Und die Zeit ist ein scheinbar unendlicher Strom, der uns unerbittlich mit sich reißt, kein Entkommen. Kein Zurück. Wessen Zeit gekommen ist wird über das Ufer gespült und verschwindet aus dem Sichtfeld, nur die Erinnerung bleibt und die Gefühle.

Je länger ich auf diesem Fluss dahintreibe desto mehr fällt mir die menschengemachte Taktung auf. Es gibt ja auch natürliche Taktungen: Tag und Nacht. Ihre Länge abhängig von Jahreszeit und Ort. Auf dem Mars anders als auf der Erde. Oder gar auf dem Saturn.
Die Jahreszeiten. Die Erdumdrehung. Die Umrundung der Sonne.
Wir Menschen leben in einer mannigfaltigen getakteten Welt. Die natürliche Einteilung der Zeit reicht uns nicht. Wir setzen Termine. Und begründen diese mit Glauben. Aufgrund von Sternkonstellationen. Willkürlich. Als ob es denn eine Bedeutung hätte im unendlichen All. Ob dieses All, der Kosmos wirklich unendlich ist, oder gar die Zeit - wer weiß? Wir wissen so wenig und fühlen uns so groß. 
Die letzten Termine des Jahres: Weihnachten. Dann Sylvester. Dann schon wieder ein Neues.
Mit viel Krach, Getöns
Meine zwei Zuckerschnecken saßen gestern verschreckt, dicht an mich gedrängt, und starrten Richtung Fenster, vor dem der Krieg losgebrochen war - so schien es.
Nein ich bin kein Freund der Sylvesterknallerei. Feuerwerk liebe ich. Aber nicht das was alljährlich vor meiner Tür abgeht.
Nun es ist vorbei.
Hinweg gespült im Mahlstrom der Zeit.
Als eine Polenböller gezündet wurde zucken wir zu dritt kollektiv zusammen.
Heute morgen erinnert nur noch der Geruch an Schwarzpulver an das *Freuden*feuer der letzten Nacht. Vorbei.
Vorbei.

Taktung. Wie takten unser Leben in Arbeit, in Freizeit, in Familie. Vielleicht weil wir sonst den Halt verlieren? Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.
Wer für sein Überleben kämpfen muss - also nicht im Supermarkt um die Ecke seine Beute erlegt - hat vermutlich keine Zeit sich um solchen Kram zu kümmern. Er lebt in seiner eigenen Taktung. Hunger. Schlaf. Wach. Essen. Und und und.
Termine. Die Steuer muss raus - bzw. deren Veranlagung. Dieses, jenes - muss noch erledigt werden, vor dem Stichtag.

Keine Ahnung ob das alles jemanden interessiert. Mein kleiner Kater Chocolat sitzt auf meiner Schulter und beobachtete gespannt das Erscheinen der Buchstaben auf dem Bildschirm, Caillou döst auf dem Stuhl gegenüber - mich aus schmalen Sehschlitzen beobachtend. Sein Unbeteiligt-Sein ist Tarnung. Wenn ich auch nur die Andeutung einer Bewegung Richtung Küche mache wird er sich wie ein geölter Blitz an mir vorbei in die selbige machen, mauzend, als sei er am Verhungern.

Zeit.
Wir besitzen sie nicht. Wir können sie nicht stehlen. Und doch tun wir so, als hätten wir genug davon, oder zuwenig, könnten sie einteilen.
Ich weiß es wirklich nicht.
Die Zeit ist für mich eines der größten Mysterien unseres Sein. 

Für uns fließt sie wie ein Strom in eine Richtung. Ist es wirklich so? Oder sind wir einfach unfähig sie so wahr zunehmen wie sie wirklich ist? Falls sie denn anders sein sollte.

Zeit.
Ich nehme mir sie jetzt einfach. Für Dinge die mir Freude bereiten. Die mir gut tun. In welcher Form auch immer. Für das andere nimmt man mir eh schon die Zeit.

Ach ja: Prosit Neujahr


Sonntag, 7. August 2016

Ämter - Ärger - Amtsschimmel

Sonntagmorgen. Klare, kühle Luft strömt in die Wohnung. Die Kater sind entspannt oder jagen Fliegen. Ich lasse Bach laufen. Mozart. Verdi.



Ein seltsamer Sommer ist das für mich. Im Mai hatte ich die schriftliche Prüfung, Ende Juni die mündliche. Den Job in der Tasche lief alles gut an.
Wenn es so läuft, dann geht meistens in der näheren Zukunft etwas schief. Bei mir auch. Aber nichts was sich nicht regeln ließe.

Mein Sachbearbeiter bei der Rentenversicherung war in Kur als meine zukünftige Arbeitgeberin wegen der Wiedereingliederungshilfe anfragte. Was dann folgte war ein - nennen wir es mal Scharmützel. Mein mich betreuender Sachbearbeiter: ein Schatz (! sehr menschlich, einfühlsam, am das Wohl der Rehabilitanten interessiert), seine Vertretung hatte Haare auf den Zähnen. Keine Gute Kombi in Bezug auf meine künftige Arbeitsgeberin.
Heute ist alles geklärt. Aber dadurch verzögerte sich das Einstellungsdatum. Auf den 1.9.2016.
Eigentlich kein Problem. Nach mehr als 25 Jahren arbeiten steht mir Arbeitslosengeld 1 zu.
Auch kein Problem.
Ich war rechtzeitig auf dem Amt, meldete mich arbeitslos, es fehlte ein Formular von der Rentenversicherung, kein Problem, ich schickte es nach Berlin mit der Bitte es ausgefüllt dann direkt an die Agentur für Arbeit zu schicken.
Kein Problem.
Normalerweise.
Wenn man lesen kann. Und zwar Formulare.
Das Formular umfasste 3 Abschnitte.
1. Abschnitt: Rentenbezug
2. Abschnitt: Übergangsgeld
3. Abschnitt: Egal.

Ich erhielt die letzten zwei Jahre Übergangsgeld. Der/die Sachbearbeiterin bei der RV las den
1. Abschnitt: Rentenbezug.
Hatte ich ja nicht.
Ich bekam ein Anschreiben, dass man mir den Rentenbezug nicht bestätigen könne, da ich keine Rente bezogen hätte.
Stimmt.
Ich habe keine Rente bezogen.
Aber Übergangsgeld.
Anfang Juni hatte ich das Formular eingeschickt. Der Eingangsstempel war vom
07.7.2016, das Bearbeitungsdatum war der
18.7.2016 ein Donnerstag, im Briefkasten lag der Brief am
22.7.2016.
Der Versagensbescheid des Arbeitsamtes kam fast zeitgleich.
Aufgrund der fehlenden Unterlagen (der RV) würde man mir das am 1. Juli 2016 , beantragt am 1.1.2016, versagen.

Ende Juli.
Miete.
Strom.
VVS Ticket.
Telekommunikation.
Dann auch noch eine Zahnarzt Rechnung.
Das am Ende des Monats?
Als erstes plünderte ich mein Tagesgeldkonto - ich Glückliche, dass ich so etwas habe. Das Geld war für meinen Urlaub geplant. Nun gut. Dann eben nicht.
Dann stürmte ich die Agentur der Arbeit, bewaffnet mit einem verkrampften Lächeln, das eher an das Zähnefletschen eines Wolfes erinnerte (oder eines dicken Eichhörnchens) und meinem Ordner, in dem alles was mit Arge, RV, Ausbildung zu tun hatte.
Anstehen, Kundennummer abgeben, warten bis man aufgerufen wird.
Man wirkt wie ein Bittsteller, obwohl man seine angestammten Rechte einfordert.
Die *Kundenbetreuerin* war in Ordnung, aufmerksam, hörte sich alles an, alles lief auf eine relativ angenehmen sachlichen Ebene ab.
Kommentar ihrerseits: Nicht schon wieder die RV.
Ich dachte mir meinen Teil.

Das Übergangsgeld konnte ich auf eine andere Weise nachweisen, die Arbeitszeitenbestätigung lag nun vor, sie mailte alles weiter, zog sich Kopien.
Einspruch solle ich trotzdem einlegen, und mich spätesten in zwei Wochen melden.

Der Einspruch schickte ich per Einschreiben raus. Die zwei Wochen sind bald vorbei. Den Arbeitslosengeldbescheid habe ich natürlich noch nicht. Auch kein Geld. Zum Leben habe ich das Geld aus einem €165.- Job (alles darüber hinaus wird dem ALG I angerechnet - hier sich bitte einen virtuellen Stinkefinger vorstellen), damit komme ich einigermaßen klar. Für die Zahnarztrechnung helfen mir Freunde aus.
Der Arbeitsvertrag ist unterschrieben.

Ich weiß, dass sich alles regeln wird.
Sauer bin ich trotzdem. Auf gewisse Sachbearbeiter.
Die vergessen haben, dass zwischen all den Formularzeilen echte Menschen stecken. Denen eine Empathie für diese Menschen abtrainiert wird oder von Anfang nicht haben. Die Menschen wie mich als lästige Bittsteller sehen und nicht, dass wir nur unsere Rechte einfordern.
Ich arbeite seit über 25 Jahren, zahle ohne zu murren alle meine Beiträge.
Was soll das?
Es sind bei Weitem nicht alle so.
Meine Rehabetreuer, sowohl bei der RV als auch bei der Arge, sind super Leute.
Auch die *Kundenbetreuer* beim Arbeitsamt vor Ort sind nicht zu beanstanden.
Es sind die Gesichter hinter den Monitoren, die manchmal vergessen was an ihren Entscheidungen hängt.
ES geht um MENSCHEN und nicht nur um SACHLAGEN.
Und ja, ich weiß auch, dass gerade die Agentur für Arbeit sich teilweise mit einer nicht gerade vornehmen Klientel herumschlagen muss - aber: es sind ALLES Menschen. Die man auch so behandeln sollte.

In diesem Sinne - keep calm und haut nie einem Sachbearbeiter die Aktenordner um die Ohren. Bringt nichts.
Verlasst euch auf nichts und niemanden, wenn euch Freunde und Bekannte helfen, dann nehmt es dankbar an Geschenk an.

Ich nenne mich in der Zwischenzeit die Glückliche, da sich bis jetzt alles in meinem Leben zum Guten gewendet hat, egal wie viele Unglücke, Unsäglichkeiten und Unvorhersehbarkeiten auf mich zukamen.

P.S. Ich weiß, dass alles was geschah RECHTENS war, was nicht bedeutet, das RECHTENS = GERECHT ist.



Sonntag, 10. Juli 2016

Erlaufe deine Stadt

Im Schwarzwald hatte ich den Wald direkt vor der Tür, bzw. hinter der Hintertür. Wald. Ganz viel Wald. Schöner Wald. Wald. Ziemlich viel Wald.
Oder wie Hans sagen würde: "Zuviel Gegend hier".
Als Landei geboren wurde ich relativ schnell eine Stadtpflanze und bin es immer noch. Ich mag *Stadt*. Ich mag es so viele Eindrücke zu erfahren - Menschen, Motoren, Mode, Männer, Mädchen und und und.
Wenn man mit dem Auto durch eine Stadt fährt kann man zwar auch einiges sehen. Aber man spürt nicht den Straßenbelag, riecht nicht die einzelnen Gerüche, spürt nicht die Luft.
Klar, Straßenlärm ist Straßenlärm, Abgase stinken und Stuttgart ist (noch) eine autodominierte Zone, auch wenn sich an allen Ecken und Enden Widerstand regt. Manchmal als kleine Revoluzzeridee (Parking day), manchmal als Stadtversuch (Shared Area/Fahrradstraße) oder als Freiluftlabor (Parklets). Einmal im Monat machen sich Fahrradfahrer als Critical Mass auf - genehmigt. Alles was ich hier genannt habe sind genehmigte Aktionen. Um die es im heutigen Artikel auch nicht gehen wird.

Seit dem 30.6.2016 bin ich wieder in Stuttgart, noch keine zwei Wochen und da war es plötzlich: Ich wachte morgens auf, noch habe ich frei, und dachte -hey. laufen, das wäre es jetzt. Aber wie es so ist... erst einmal verworfen, gefrühstückt, und dann den Rucksack geschultert, um einkaufen zu gehen.

Meine Füße entschieden sich anders. Statt den kürzesten Weg einzuschlagen trugen sie mich zur Karlshöhe. Langsam und stetig schritten sie, ganz ihrem eigenen Willen folgend, den Hügel hinauf zum Biergarten, von dem man einen schönen Blick zum Fernsehturm hat.


Die Karlshöhe "trennt" Süd und West, auf der Nordseite reckt sich das Allianzgebäude breit in den Himmel,
Hat man den Scheitel überschritten geht es schnell bergab und man steht hinter dem Heslacher Hallenbad und kann die Stufen hoch zur Hasenbergsteige. 

Ich verschwendete nur einen Gedanken und dann ging es die Treppen hoch. 
Eine zeitlang ging es eben weiter, dann kam die nächste Staffel. Und noch eine. 
Hier herrscht die Ruhe der betuchten Halbhöhenlage. Wer den richtigen Riecher hatte und hier ein Grundstück und eines der alten Häuser kaufte hat heute eine Altersversicherung, die seinesgleichen sucht. Man ist hier über dem Mief im Kessel erhaben. Bummler verirren sich selten hierher, muss man doch eine Staffel nach der anderen hoch und auch wieder runter. Oder man fährt mit dem Auto. 


Nachdem ich über eine Stunde unterwegs war - in Zehensandalen von Birkenstock - kamen mir langsam Zweifel. Es wurde heiß, aber Lust aufzuhören hatte ich nicht. Und es gab und gibt hier soviel zu sehen. Überall wächst etwas, die Mauersegler fliegen so tief, dass man sie fast mit den Händen greifen kann. Moderne Neubauten wechseln mit alten Villen, fast mediterran mutet manches hier an.
Ich konnte mich nicht satt sehen.
Trotzdem wandte ich mich talwärts. Und fand mich in der Nähe des Bihlplatzes wieder. 

Von hier aus kann man zwar an den Straßenbahnschienen entlang zurücklaufen - oder man streift durch die kleinen Seitenstraßen, erlebt ein anderes Stuttgart mit alten, kleinen, schnuckeligen Häusern, alten Bauerngärten, kommt beim Ritterstübchen vorbei. 



Es war jetzt richtig heiß.
Als straight nach Hause, vorbei an der Kirche am Erwin-Schöttle Platz. Die Vorbereitungen für das Afrikafestival waren im vollen Gange. Weiter zum Marienplatz, die Cafes voll mit Menschen, die den späten Morgen genossen und in den Tag bummelten, zwischen sie mischten sich die ersten Büroangestellten zur Frühstückspause. An der Eisdiele herrschte schon reger Andrang obwohl es gerade erst halb elf war.

Ich hatte es jetzt nicht mehr weit, erledigte meine Einkäufe und kam relativ fit zuhause an. Seitdem laufe ich. Jeden Tag. Nehme eine andere Straßenbahnlinie, steige irgendwo aus wo ich eine Staffel entdecke und lauf sie hoch. Sie Stuttgarter heißen nicht umsonst Stäffelesrutscher. Aber das ist eine andere Geschichte

Seit vergangenen Donnerstag bin ca 30 km gelaufen. Und morgen geht es weiter. Früh. Auch wenn es Sonntag ist. Es soll ja heiß werden. Wasser, Rucksack, Mütze und Decke. Irgendwo werde ich ein lauschiges Plätzchen finden, zeichnen, lesen oder einfach nur gucken und in den Himmel träumen.

Dienstag, 5. Juli 2016

Meine Stadt, meine Heimat - eine Liebeserklärung

Ich bin hier nicht geboren. Ich spreche einen anderen Dialekt. Ich komme vom Land.
Die letzten zwei Jahre habe ich nur die Ferien und die Wochenenden in meiner Wahlheimatstadt verbracht.
Wie sehr ich sie vermisst habe, was mir fehlte, wird mir jetzt erst wirklich bewusst.
So schön der Schwarzwald ist, so angenehm das *Putzalltagsfreie* Internatleben war:
ich bin Stuttgarterin durch und durch.
Viele nennen meine Wahlheimatstadt hässlich und verweisen auf den im 2. Weltkrieg komplett ausgebombten Stadtkern.
Sie sehen was sie sehen wollen. Oder sie nehmen meine Stadt einfach anders wahr.
Und sie dürfen sie gerne für hässlich halten. Meinungsfreiheit.
Stuttgart war nicht sofort meine große Liebe. Als Landei fühlte ich mich am Anfang hier sehr verloren. In der Zwischenzeit weiß ich allerdings: Die Welt ist ein Dorf und Stuttgart ist der Vorgarten der alten, verschrobenen Frau, die kleine Kinder erschreckt.
Im ersten Moment nicht sehr schön, aber im Herzen eine Perle und Oberstübchen ganz schön helle.
In jedem Vorgarten wächst Unkraut (Baustellen) und der hellste Verstand hat Aussetzer (Abrisswut).
Stuttgarts Gesicht wurde sehr stark durch einen gewissen Herrn geprägt (Klettverlag), der früher viel zu sagen hatte. Früher und damals.
Stuttgart ist eine der buntesten Städte die ich kenne, auch wenn das wilde Durcheinander durch Gentrifizierung und Größenwahn gefährdet wird.



Seit ein paar Tagen bin ich wieder ganz da. Und ich atme jeden Tag tiefer durch, *komme runter*, laufe durch die Stadt, treffe jedesmal zufällig jemanden aus meinem Bekanntenkreis. Man bleibt stehen, schwatzt, lacht, umarmt sich. An jeder Ecke lauert ein Café, dass einen zum Verweilen einlädt. Hat man Zeit verweilt man. Für jeden Geschmack gibt es etwas. Die Stadt ist groß, weit, wenn man mal den Kessel verlässt. Mein Brot hole ich bei einem Bäcker in Rohr, oder bei meinem Bäcker ums Eck, im Heusteigviertel.
Gemüse vom Wochenmarkt auf dem Marktplatz oder dem kleinen Händler in Rohr und Freitags auf dem Markt am Wilhelmsplatz. Manchmal Samstags in Cannstatt, da gibt es auch Nudeln, Metzgerwaren, Eier, Milchprodukte - wie auf dem Wilhelmsplatz in Stuttgart.

Stuttgart ist mehr als die Innenstadt und die Einkaufsmeile mit ihren Konsumtempeln, oder das Milaneo. Aber auch sie haben ihre Berechtigung. Kurz ein Ladekabel organisieren, zum Schuster, oder oder oder. Das Konsumangebot ist riesig, aber man muss ja nicht.
Im Gegensatz dazu stehen dann die alten Plätze, die kleinen Parks in den verschiedenen Stadtteilen, die eingemeindeten Vororte, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und die Kehrwoche noch ernst genommen wird.



Stuttgart ist eine witzige Mischung aus Provinzstadt mit Metropolträumen. Ich mag die Gegensätze.
Es war keine Liebe auf den ersten Blick, aber ich irgendwann erlag ich den Charme der schwäbischen Maid im mondänen Abendkleid der Mutter, das nicht so richtig passen will, und in den viel zu hohen Schuhen ständig umknickst.