Montag, 16. September 2013

Der Kessel kocht - von Villen und Occupy und Märchen ( der ehrliche Osten - Stuttgart)

...hat in Stuttgart eine doppelte Bedeutung. Durch die Kessellage der Stadt. Und ich als Kesselianerin - ich wohne ganz weit unten an der Talsohle und bekomme es immer live mit, wenn was geht - oder nicht.
Und in Stuttgart geht gerade sehr viel. Die Menschen hier sind bewegt und gespalten, raufen sich und manchmal auch zusammen. Es geht was hier in dieser Stadt, seitdem ein Teil der Bürger wegen des Bahnhofs den Aufstand probten und immer noch nicht locker lassen.
Aber es geht nicht um den Bahnhof - es geht um eines der Kleinode der Stadt. Eines, dass sich den Namen mit einem Mineralbad teilt:

Die Villa Berg.


In ihr befindet sich der denkmalgeschützte Aufnahmesaal des SWR, ich hatte das Glück einmal ein Konzert dort erleben zu dürfen und die Akustik war übewältigend.
Die Villa und die neu dazugebauten Gebäude (was heißt hier neu, die Gebäude haben auch ein paar Jährchen auf den Buckel, aber im Verhältnis zu Villa sind es junge Rabauken zu einer einer sofisticated lady) stehen zum Verkauf und es gibt noch nicht wirklich Pläne - oder es gibt sie, aber es ist nicht wirklich bekannt - wie die alte Dame und ihre Ableger genutzt werden
Inmitten eines wunderschönen, mancherorts märchenhaft anmutender Parks, schläft die Villa ihren Dornröschenschlaf, vernagelt und vergittert nagt die Zeit an ihr und die Patina des Verfalls überzieht alles, ohne das es marode oder morbide wirkt, eher wie eine Decke des Vergessens.


Und es fanden sich, wie in jedem guten Märchen, ein paar bewegte Menschen, die Träume haben und für diese Träume einstehen. Sie trafen sich und nannten sich *Occupy Villa Berg*. Obwohl es eben nicht nur um die alte Dame, sondern auch um ihre jüngeren Nachbarn geht.
Teilweise haben die Gebäude drei (3!) Untergeschosse, funktionierende Studios. Junge Musiker und Bands suchen dringend Proberäume. Hier wären sie schon fix und fertig für den Bezug und ich Musik geplagte Nachbarin - über mir leben Musikstudenten - hätte auch etwas davon. Und so brachte ich denn meinen Vorschlag auch mit ein.
Aber nein sie besetzten nicht die Villa, sie trafen sich zu ihren Füßen, in ihrem Schatten und Veranstalteten sogenannte Planungspicknicks, aßen und tranken zusammen, genossen den Park, lachten, spannten Wäscheleinen, zeigten Bilder der Innenräume, diskutierten mit Spaziergängern, fragten nach deren Wünschen und Ideen für die Verwendung. Denn die Stadt interessiert sich für die Villa, die Nachbargebäude und das Gelände.


Das kleine Grüppchen bewegter Bürger, sammelt seit Wochen die Vorschläge, sortiert sie und wird sie dem Bürgermeister  Fritz Kuhn demnächst übergeben. Denn auch sie möchten mit reden, mehr als nur mit einem Stimmzettel zur Wahl.
Bürgerbeteiligung ist das große Wort, das zur Zeit die Runde macht.
Bürgerbeteiligung kann viel bedeuten. Volksabstimmung, Bürgerentscheid, aber da geht es es ja immer um das Absegnen oder Ablehnen von Vorschlägen. Die Occupy Villa Berg Bewegten möchten im Vorfeld schon mit Ideen an die Stadtoberen herantreten.
Gestern war das dritte Planungspicknick und ich sah es mir an. Und war verblüfft. Viele Spaziergänger guckten erst neugierig aus der Ferne, kamen dann näher, betrachteten sich die aufgehängten Bilder und schriftlichen Vorschläge, betrachteten sich die Luftaufnahme des Gebiets, die als großes Poster auf den Boden geklebt war, kamen ins Gespräch mit den schon Anwesenden und fragten nach, fingen an sich zu unterhalten und ich konnte einigen guten Diskussionen lauschen.



Und ich dachte: was für eine feine, unkomplizierte Art mit den Bürgern dieser Stadt ins Gespräch zu kommen, ohne schreiende Parolen auf buten Wahlplakaten und hohlen Versprechungen. Ich betrachtete das Treiben noch ein Weile und zog dann mit meiner Kamera los und genoss den Park und das Staunen über das Kleinod.

Wenn ihr mehr über die Villa Berg und ihre Occupy dann klickt ihr hier:
Facebook
Website der Occupier

Sie freuen sich über euren Senf, den schriftlichen. Und - auch wenn es euch nicht interessiert, was damit geschieht: seht es euch an und lasst euch von diesem Park und seine Ausstrahlung gefangen nehmen - denn wer weiß, was damit wird.

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