Freitag, 20. September 2013

Nicht jedes Boot braucht einen Eisberg um zu sinken (Das Ende einer Freundschaft)



Die Luft atmet schwer die letzten Sommertage. Es herrscht eine unglaubliche friedliche Stimmung auf dem See, dessen Oberfläche glatt wie ein Spiegel im spät nachmittäglichen Licht dahin träumt. Kaum ein Mensch kennt diesen See und heute scheinen wir ganz alleine zu sein. Ab und zu eine Welle, die ein Paddel unseres Ruderbootes losschickt, und die sich in der Weite des Wassers verliert, fast ohne Geräusch.
Unsere Wein umnebelten Gedanken kreisen träge und plätschern dahin. Libellen schießen wie Minihubschrauber mit lauten Surren haarscharf an unseren Köpfen vorbei. Um uns herum schwirren unzählige, winzige Mücken. Die Luft ist erfüllt von Leben. Und friedvoll.
Es riecht nach Sommer, auch wenn ein Hauch von Herbst schon in der Luft liegt, die Grillen am fernen Ufer zirpen ohne Unterlass, manchmal jäh unterbrochen durch ein lautes Quaken.
Gold, denke ich, das Licht ist wie Gold.
Der Frieden wird kühl gestört. Das Boot ist alt und das Holz nicht vertrauenswürdig. Die eisernen Riemenhalter sind angerostet und durch die alten Hohlplanken sickert, fast unmerklich, aber stetig, kaltes Seewasser zu unseren Füßen.
Unsere Knöchel sind schon fast bedeckt und ich möchte gerne an das Ufer zurück. Ich bekomme langsam Angst und sage es dir auch. Dein Gesichtsausdruck, eben noch entspannt und verträumt verändert sich. Groll und Ablehnung machen sich bemerkbar. Aber kein Ton kommt über deine Lippen, statt dessen blinzelst du in die Sonne und zuckst mit den Schultern.
Ich mag das nicht. Ich mag es nicht, wenn man meine Befürchtungen, meine heraufziehende Angst nicht ernst nimmt. Aber ich entschließe mich, erst einmal noch zu schweigen.
Wir haben die Flasche Rotwein und die Gläser mitgenommen, aber eigentlich trinkst nur du und ich werde immer nüchterner.
Die Zeit vergeht und das Wasser nutzt sie, um weiter durch die Bootswände zu uns zu kommen, es ist fast so, als würde der See wollen, dass wir ihn verlassen. Auch steht die Sonne schon tief und das Licht wechselt seine Farbe von Gold fast zu Kupfer. Wunderschön, aber das sichere Ufer verlockt mich mehr als das Licht.
Vorsichtig mahne ich Zeit und Wasser an und ernte einen Blick, der mich frösteln lässt.
Langsam werde ich wütend und fordere nun etwas eindringlicher die Rückkehr zu dem Schilf umsäumten Ufer, dass sich matt und schmutzig gelb vor dem dunklen Waldrand dahinter abhebt.
Auf deiner Stirn bildet sich eine Zornesfalte und dein Blick ist voller Verachtung. Du nennst mich Angsthase und Spielverderber. Ich würde dich behindern, ausbremsen. Ich mit meiner Angst, mit meinen ständigen Bedenken. Nie könntest du sein wie du bist, weil du Rücksicht nehmen müsstest. In Deiner Wut bewegst du dich heftig und das Boot fängst an zu schauckeln, die Weinflasche kippt um und der Rioja vermengt sich mit dem Seewasser. Mit dir ist nicht zu reden.
Ich nehme die Riemen auf und fange an das Seeufer anzusteuern, als du aufstehst und auf mich zukommst. Das Boot schaukelt wie wild und ich erkenne was du vorhast – du willst mir die Ruder entreißen. Und schon hast du deine Hand an einem der Ruder und der Kampf darum bringt uns fast zum kentern. Du lachst laut und dreckig, nennst mich Angsthase und Spaßverderber, ziehst höhnisch deine Augenbrauen hoch und ergötzt dich an meiner heraufsteigenden Panik, die sich deutlich in meinem Gesicht abzuzeichnen scheint.
Ein Ruder landet laut platschend im See, an das andere klammere ich mich fest entschlossen zu siegen. Mit einem Ruck zerrst zu mich vom Holzbalken, das Boot kippt und während du dich auf die andere Seite wirfst falle ich ins Wasser.
Schnell sinke ich, über mir die Licht umschmeichelte Wasseroberfläche mit dem keilförmigen Schatten des Bootes. Ich entsinne mich und strebe der Oberfläche entgegen, durchbreche diese nach Luft schnappend und sehe direkt in deine Augen in denen die Besorgnis dem Trotz weicht, meine Bluse und meine Shorts zerren schwer an mir.
Gerade noch rechtzeitig weiche ich dem zweiten Paddel aus, dass du nach mir wirfst. Du lachst laut und höhnisch, drehst mir eine Nase, ich strample, dass ich oben bleibe.
Das Wasser ist kalt und mit schon klammen Fingern schaffe ich es irgendwie den Shorts und der Bluse zu entschlüpfen.
Du singst und lachst und johlst.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als auf das Ufer zu zu schwimmen, ich sage mir immer wieder: bleibe ruhig, schwimme, schwimme. Atme. Atme gleichmäßig, bete ich mir in Gedanken selbst zu. Das kalte Wasser spüre ich fast nicht mehr. Arme nach vorne, strecken, zu Seite, Beine anziehen, abstoßen. Einatmen, ausatmen.
Fast vergesse was geschieht und bin nur noch.
Doch dauert es nicht lange, da höre ich dich rufen:
Du könntest nicht schwimmen, ich solle zurück kommen. Jetzt. Sofort. Du befiehlst es mir. Die Wut macht deine Stimme rauh. Du schreist jetzt, das Wasser würde steigen und die Ruder wären weg. Ich könne das doch nicht machen. Ich solle sofort zurück kommen.
Das Ufer ist noch weit, noch könnte ich zum Boot zurückschwimmen.
Deine Stimmte kippt. Wie hässlich sie klingt. 
Du nennst mich verschroben, egoistisch, belegst mich mit Tiernamen. Ich schwimme weiter. Versuche nicht hinzuhören, als die Panik dich und deine Stimme in Besitz nimmt. Die Angst vibriert in jedem deiner Worte.
Jetzt drehe ich mich zu dir und trete Wasser. Die Bootskanten ragen nur noch wenige cm aus dem Wasser, du siehst elend aus. Bis zu den Knie reicht das kalte Nass. Mir fröstelt, nicht nur durch das Seewasser. Selbst wenn ich wollte, ich könnte dich gar nicht bis ans Ufer ziehen.
Also wende ich mich ab und schwimme, jetzt noch entschlossener, Richtung Ufer. Die Sonne neigt sich dem Horizont zu und die Frösche werden laut.
Dein Kreischen dröhnt in meinen Ohren, als ich das Schilf erreiche und mir einen Weg zum festen Boden bahne. So erschöpft ich auch bin, drehe ich mir dir zu und sehe wie du jetzt mit den Armen auf die Wasseroberfläche einschlägt, sehe wie deine Bewegungen langsamer, kraftloser werden, wie du versinkst und dich mit letzter Kraft noch einmal über die Wasseroberfläche drückst.
Du hat schon längst aufgehört zu schreien.
Ich warte.
Die letzten Wellen verlaufen sich und der See liegt  wieder friedlich in der Abendsonne, als wären wir nie da gewesen. Und laufe dann zurück zu unseren Rädern, die vor dem Schilf liegen. In der Tasche finde ich mein Handy. Ich muss der Polizei einen tragischen Bootsunfall melden.

Kurzgeschichte. 2010. Reine Fantasie. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen