Sonntag, 13. Oktober 2013

Rechtsruck (Sonntagsgedanken)

Als das Schiff mit den Flüchtlingen vor der kleinen italienischen Insel im Mittelmeer sank, haben es viele nicht überlebt und Lampedusa wieder einmal im Schlaglicht der Pressemitteilungen stand, tönte es bayrisch gefärbt aus des Innenministers Mund, dass man härter gegen Armutsflüchtlinge vorgehen wolle und müsse.
Selten sah man mich so fassungslos. Kurz davor war ein syrischer Mann in München auf einen Kran geklettert, gewillt in den Freitod zu springen, da er es nicht ertragen konnte, dass seine Frau und seine Kinder weiter im Kriegsgebiet ausharren müssen. Sie dürfen nicht nachkommen.
Während in den Parlamenten große Reden, mitleidtriefend und mit salbungsvollen Worten, geschwungen werden, sieht die Realität anders aus.
Während die Fremdenangst geschürt wird, lassen Deutschland und die anderen nicht Mittelmeerländer die *Uferstaaten* alleine.
In Griechenland wird eine Mauer gebaut. Die USA machten es an der mexikanischen Grenze vor.
Hartherzigkeit oder Überlebensinstinkt?
Armutsflüchtlinge wollen nicht zu uns, weil sie mehr Luxus haben wollen, bei vielen Afrikanern geht es um das nackte Überleben. Und dann tönt es aus der Schweiz (nur eine Person, aber in der Presse) - man müsse Afrika seine Probleme selbst lösen lassen. Wer hat den Afrika dahin gebracht wo es heute ist?
Kolonialisierung und Globalisierung finden ihre Wurzeln nicht in Afrika. Auch nicht in Indien oder Südamerika.
Aber viele denken so, wie Herr Friedrich. Sie haben Angst um ihr Pfründe. Man kann es immer wieder bei den Kommentatoren von Online-Zeitungen lesen.
Aber es gibt auch Gegenstimmen. Und diese sind laut, bunt und einfallsreich. Im Netz und auf der Straße. So wie gestern in Göppingen.


Auch wenn der schwarze Block und die Polizei teilweise aneinander gerieten, war die Gegendemonstration friedlich, bunt. Wegen einer handvoll brauner Hanseln wurde das Stadtzentrum praktisch verriegelt, um die Gruppen auseinander zu halten. Die braunen *Helden* standen hinter mannshohen Sichtschutzzäunen.
Massenhaft Polizeibeamte in schwerer Ausrüstung, Wasserwerfer, die Busse für Festnahmen - manchem bürgerlichen Gegendemonstranten kam es wie der blanke Hohn vor, dass diese Maßnahmen nicht wegen den Rechten aufgefahren wurden, sondern wegen ihnen, wegen den Göppinger Bürger, die diese eben nicht in ihrer Stadt haben wollten.
Aber Gesetz ist Gesetz. Und solange die NPD und ähnliche Parteien nicht verboten sind gilt nun mal die Versammlungsfreiheit. Auch wenn es uns nicht passt und wir bunt die Flagge zeigen.

Wo rutschen wir hin, wenn uns das Mitgefühl für Menschen in Not abhanden kommt? Wenn Stimmungsmacher wie Friedrich, die AfD, und andere Gehör finden  und sogar die Meinung eines Großteils der Bevölkerung wiederspiegeln?

Wir sind alle Menschen.
In diesem Zusammenhang wurde ich gefragt, ob ich bereit wäre Flüchtlinge aufzunehmen. Ich habe darüber nachgedacht. Noch nicht einmal sehr lange.
Meine Mutter und ihre Familie waren Kriegsflüchtlinge und wurden auch, wenn auch sehr widerwillig, aufgenommen. Ich kann ihre Stimme hören, wie sie uns ihre Erlebnisse als junge Frau erzählt hat.
Und ich kann meine Oma hören, die vom Kriegsgrauen erzählte. Wie der Opa auf der Flucht erschlagen wurde.
Das alles spielte eine Rolle beim Nachdenken.
Wenn es anders nicht ginge würde ich mein zweites Zimmer räumen und Menschen aufnehmen. Warum nicht? Es wäre eine Einschränkung, sicher.
Aber was ist meine persönliche Einschränkung des Wohnraums gegen das Elend anderer Menschen.
Nein. Ich bin kein Gutmensch.
Ich bin nur Mensch.

In diesem Sinne, euch allen einen friedlichen Sonntag.

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