Dienstag, 8. Oktober 2013

Wasen oder Wiesen? ( das rockige Cannstatt)

Es heißt Volksfest. Mir fallen ganz andere Namen dazu ein. Wie schrieb eine Freundin auf FB:

Willst du jemand kotzen sehen
musst du auf den Wasen gehen

Es geht mir, hier in diesem Beitrag, nicht um das Motzen an für sich, aber ich werde es tun. Und vom Leder ziehen. Und das gewaltig.
Nicht nur ich, sogar einige Barbesitzer möchten das besoffene *Folklore -Volk* nicht mehr sehen. Es gibt an diversen Bars Verbotsschilder, auf denen Dirndl und Krachlederne strengstens untersagt wird die Bar zu betreten.
Leider muss ich sagen ich weiß warum: die meisten haben dann schon mehr Alkohol als Blut im Körper, mit den entsprechenden Folgen.

auf zum Rudelbesäufnis

willst du in der Tracht umgeh'n
möcht
 ich dich in Minga seh'n 



Der Wasen an für sich - den habe ich gemocht, bis es kippte. Wir gingen in Gruppen spätnachmittags los, futterten, tranken, fuhren Achterbahn und Wilde Maus - allerdings taten wir das in umgekehrter Reihenfolge: fahren, futtern, trinken.
Wer einmal Wilde Maus gefahren ist, weiß warum,
Es war Spaß, man bekam immer noch ganz gut auch am frühen Abend Zugang zu den Zelten, aß und trank und schwankte dann leicht angeheitert zu den Bahnen-
Man sah vereinzelt mal einen älteren Herren mit einem gefilzten Jankerl - und das war's mit der Tracht.

Wenn man heute Richtung Cannstatt zum Wasen zieht, fallen einem die Rudel auf. Rudel junger Leute, fast alle in billigen Nachbildungen der bayrischen Tracht (die das wirklich nicht verdient hat), mit Bierdosen und Wodkaflaschen in den Händen, zum Vorglühen.
Tja, das Bier ist teuer in den Zelten und man will ja nur eins: sich schnellstmöglich in den Tiefenrauschzustand versetzen, der es einem ermöglicht ganz schnell, sehr viel, von dem von sich zu geben, was man vorher zu sich genommen hat -  und das ganz ohne Achterbahn und wilde Maus.
Ballermann saufen in Deutschland statt auf den Balearen.
Schön für die Mittelmeerinsel, Pech für Münchner und Stuttgarter.

Was stört dich denn nun an den (billigen) Trachten?, wurde ich gefragt.
Ich glaube es sind noch nicht mal die Trachten. In Oberösterreich habe ich wunderschöne Alltagstrachten gesehen, *kleidsam*. Es geht mir um das "Gefake". Es wird wieder etwas verheizt, weil es "schick" ist.
Ich weiß noch als eine der großen französischen Modefirmen den Totenkopf für sich entdeckt hatte. Ich stand in Düsseldorf als eine gebotoxte Enddreißigerin mit Eigenfettwulsten im Gesicht  - wo sich normalerweise die Lippen befinden - mit Pradatasche und Guccisonnenbrille - an mir vorbei trippelte in einem engen Shirt unter dem Pelzmantel, auf dem,in bester Swarowski Kristall-Manier, ein Totenkopf prangte.
Ich trug keine Skulls mehr bis der Hype vorbei war.

Die Dirndlflut kam nicht über Nacht, erst trugen es die Prominenten - natürlich Designerdirndl - dann die B-Prominenz und jetzt das Fußvolk.
Nun denn, wenn sie es unbedingt brauchen zur *Schickeria* zu gehören, dann sollen sie.
Aber sie sollen bitte nicht mir schon nachmittags um vier in der Bahn vor die Füße kotzen.

Der Wasen ist bald wieder rum. Ich werde am Donnerstag - morgens um elf - dort sein. Es gibt nämlich einen witzigen *Haushaltswaren*bereich, da findet man manchmal super schräge Sachen. Und die Wettervorhersage ist schlecht. Also werde ich in Ruhe auf Bilderjagd gehen können.

Volksfest.




Kommentare:

  1. Wies'n - Ausnüchterungszelle - Wasen: Das ist dann wohl die deutsche Städterundfahrt.
    Ich find den ganzen Rummel auch sehr, sehr anstrengend. (mal höflich ausgedrückt)
    Die Leute haben alle zu viel Geld, wie es scheint.
    Ach so, die sparen ja, indem sie sich ihre Krachlederne bei Tchibo kaufen ;-)
    LG
    Sabienes

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    1. Nun ja, es geht ja nur drei Wochen
      Ich bin jedes Jahr froh, wenn es rum ist
      LG
      Marianne

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  2. Hey Marianne,

    das ist jetzt eine klare Stellungnahme zur Wasen-/Wiesensituation. Vielen Dank für diesen äußerst bissigen und unterhaltsamen Beitrag.
    Besonders der Teil mit:"Ich weiß noch als eine der großen französischen Modefirmen den Totenkopf für sich entdeckt hatte. ..." hat eine besondere Qualität (Augen wisch.) Ich fand das damals auch ziemlich übel.

    Ich wippe jetzt noch :-)

    LG Manni

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    1. Nach zwei Stationen S-Bahnfahrt zum Ende des Wasens war mir das ein Bedürfnis :)

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  3. Wir gehen auch Donnerstag mit der Abteilung mal hin.... ich mach mir so gar nix aus solchen Festen, wobei der Hamburger Dom wenigstens ohne Trachten auskommt und auch nicht ganz so heftig ein Besäufnisfest ist, auch wenn das unvermeidliche bayerische Bierzelt auch hier in Hamburg zu finden ist. Schön war auch meine Heimfahrt am Dienstag, wo der Zug ab Würzburg voll mit Wiesn Leichen war und wenn Norddeutsche sich in die Krachlederne schmeißen wird es meistens besonders peinlich.

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  4. Für alle, die in der Nähe des Wasens wohnen, sind die Frühlingsfest - und Volksfestwochen eine echte Heimsuchung. Ich weiß, wovon ich rede ... endlose Blechkarawanen auf der Suche nach Parkplätzen, endlose Horden auf dem Weg zum Gruppenbesäufnis - nachts kannst Du nur bei geschlossenem Fenster schlafen, weil Dir sonst vom Gewürge auf der Strasse in Deinem eigenen Bett schlecht wird.

    Ja, wir waren früher auch auf dem Wasen - und bei uns lief das genauso ab, wie bei Marianne beschrieben. Klar haben wir auch was getrunken, aber unser Ziel war eben nicht das Koma, sondern ein vergnüglicher Abend. Angeheitert waren wir am Ende des Abends auch - aber eben nicht mehr als das.

    Spätestens seit das "Volksfest" in ein "Volksbesäufnis" gekippt ist, meide ich den Wasen weiträumig, soweit mir das möglich ist. Eigentlich schade, was aus einem "Fest fürs Volk" geworden ist - oder hat sich einfach das "Volk" verändert?

    Wie auch immer: das Ende ist absehbar :-)

    Schönen Samstag!

    LG Ingrid

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    1. Ich gönne normalerweise jeden seinen Spaß, aber das macht mir langsam Angst

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  5. Ich fürchte, unsere Definition von "Spaß" ist einfach eine andere als die der besagten Horden, Marianne.
    Gut, dass es genügend Alternativen gibt :-)

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