Sonntag, 10. November 2013

Abschied (Sonntagsgesdanken 45/2013)

nahm ich diese Woche von Dingen, Ideen, Orte und auch von Menschen.
Unter anderem von meinem Fahrradsattel. Als ich Samstagmorgen vom Einkaufen kam, fiel es mir auf: der Sattel samt Sattelstange war weg. Mir ist egal, warum man sich am Sattel eines fremden Fahrrads vergreift, ich habe zwei Jahre gespart, um mir diesen Drahtesel leisten zu können und wünsche dem Dieb Herpes am Ar***.
Diebstahl ist für mich *hmpf*, aber Dinge kann man ersetzen. Manchmal dauert es und mancher Gegenstand hat auch einen ideellen Wert, ist mit Erinnerungen behaftet, aber das trifft im Falle meines Fahrradsattels nicht zu: der war nur unbequem und in Gedanken rufe ich ihm zu: Verhalte dich wie ein Nagelbrett, ich bitte Dich!
Also war es ein überraschender, mit finanziellen Einbußen gepaarter Abschied, aber nicht wirklich ein tragischer, schmerzhafter.
In der Nacht, in der der Dieb diese Sitzgelegenheit entwendete, trafen sich ein paar bewegte Menschen zum letzten Schwoof im Casiopeia. Das Casiopeia liegt im Wald, ist bekannt als Waldheim, wird alternativ geführt und wird demnächst - wie so vieles in Stuttgart - bald Opfer der Bagger. Es wird Geschichte sein. Und Marions Mann Manne, auch als Fred bekannt, legte alle zwei Monate, oder öfters, Musik auf. Dann zappelten leicht ergraute Menschen, als ginge es um ihr Leben, auf der Tanzfläche. Diesen Freitag tanzte ein Mann im Rollstuhl, selten so etwas anrühriges gesehen. Und ich dachte -was für ein toller Mann!
Zwar muss man durch den stockfinsteren Wald, es dauert manchmal sehr lange bis man sein Getränk bekam, aber dieser Ort hat Flair. Und die Menschen, die sich dort treffen, auch. Unser Rudel sowieso.
Ich habe dort sogar mal auf dem Tisch getanzt ---- es gibt aber - Gott sei Dank - keine Beweisfotos. Und mancher sprach dann später, des Nachts, auch mit den Bäumen und umarmte diese. Der Rioja hatte es in sich. Aber ich gehörte nicht zu den Baumkuschlern.
Mit auf dem Tisch tanzen ist es eh vorbei (wegen Bein und Rücken), aber es macht wehmütig zu wissen, dass es vorbei ist.
Fair well Casiopeia, ich wünsche dir für deine letzten Tage noch ganz viele Besucher.

Was mich traurig und wütend zugleich machte diese Woche und zu einem Abschied der besonderen Art führte, war der Ausbruch fremdenfeindlicher Hasstiraden in meinem Bekanntenkreis.
Es wurde vom Zugrunderichten Deutschlands durch Flüchtlinge gesprochen, von Horden, die Wohnungen verwüsten würden, deutsche Kinder würden ihre Muttersprache wegen dem hohen Ausländeranteil nicht mehr richtig lernen.
Mir entgleiste wohl jeder Gesichtsmuskel, so fassungslos war ich. Nein ich leugne nicht die Brisanz und Problematik, aber ich verkenne auch nicht die Ursachen -  unter anderem die Ghettobildung. Auch weiß ich, dass es Stadtteile in dieser Stadt gibt, die sehr *entfremdet* sind, das die Bandenkriminalität eher eine internationale Geschichte ist, aber bei der ganzen Diskussion wird vergessen, dass es um Menschen geht. Auf der einen Seite Lampedusa schlimm finden, aber selbst nichts tun wollen.
Wir *Westler* leben so gut, weil es eben auf  die Kosten der Menschen der dritten Welt geschieht.
Es wird zuviel vermischt und zuwenig differenziert.
Das dies ausgerechnet in der Woche des Jahrestages der Reichskristallnacht geschah ist doppelt bitter.
Womit ich auch bei der Idee bin, von der ich mich verabschiedete: die Idee, dass die Menschen aus der Geschichte lernen. Anscheinend nicht. Leider. Rassismus ist wieder salonfähig und beginnt meistens mit dem Satz: ich bin ja nicht rechts, aber was mal gesagt werden muss....
Über die Diskussion zum St. Martinstag schreibe ich mal lieber nichts.

Vergesst heute nicht eure Regenschirme, es ist nass draußen.

Kommentare:

  1. Ja, es ist naß. Ich lese dich gerade auf der novembertrüben Terasse, mit Kuscheldecke, heißem Adventstee und unter einem Dächle. Passt alles, meine Stimmung, deine Stimmung, bald Abschied vom alten Jahr, November halt.... ohne Abschied kein Neubeginn.

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    1. In jedem Abschied liegt etwas Trauer, aber auch die Neugier auf etwas Neues
      Fühl dich geknuddelt

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  2. Abschiede schaffen ja bekanntlich immer auch Platz für neues :-) innere wie äußere. Sie tun weh aber der Schmerz lässt einen manchmal fühlen dass man lebt, liebt, atmet. Wünsche Dir einen wundervollen Sonnatg :-)

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  3. Deine Sonntagsgedanken passen ja wunderbar in den November: grau, düster, loslassen ...
    Alles verändert sich, nicht bleibt so, wie es ist. Auch der A.... des Satteldiebs wird sich verändern ;-)
    LG
    Sabienes

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    1. Hallo Sabienes:
      Der Sattel ist ja wieder da, da haben nur welche Schabernack getrieben
      LG
      Marianne

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