Mittwoch, 15. Januar 2014

Tante Emma (Familiensaga)

Schon früh war ich als schwarzes Schaf der Familie entlarvt und geoutet. Als ich im Teenageralter war, dichtete man mir einiges an - eine Nachbarin hatte mitbekommen, dass ich nach Amsterdam fuhr. Für die Nachbarin gab es nur zwei Gründe warum man so was tat: Drogen und Abtreibung. Und in meinem Fall eben beides.
Das ich von Drogen und Sex (noch) keine Ahnung hatte, sondern einfach nur etwas sonderlich war und das der Amsterdambesuch eine Klassenfahrt war, interessierte niemanden.
Weder die Eltern meiner Freund noch die Familie. Ich war als Kind in mich gekehrt, als Teenager kapselte ich mich total ab oder war nur unterwegs. Irgendwie passte ich weder in das Dorf noch in diese Familie.
Und dann gab es da Tanten und andere Tanten.
Also es gab die normalen Tanten, die eben Tanten waren und es gab eben die anderen Tanten, die mich mochten und liebten wie ich war.
Tante Emma und Tante Ketsche waren solche anderen Tanten. Tante Julia war auch eine Tante, aber sie gehört in eine dritte Kategorie, über die ich vielleicht später einmal schreibe.
Emma. Nicht Emma Peel, aber für mich die liebenswerteste Emma der Welt, auch wenn ich sie selten sah. Obwohl wir im selben Dorf wohnten. Aber irgendwie hat es mein Teil der Familie nicht so mit den Banden, den Familienbanden. Das setzt sich bis zum heutigen Tage fort, auch wenn sich mein Bruder Mühe gibt, die Bande nicht ganz zerreißen zu lassen.
Tante Emma gehört wohl zu den tolerantesten Menschen die ich kenne. Jetzt schon über achtzig, habe ich sie nie klagen hören, oder auch nur schlecht über jemanden reden. Und sie war mir immer wohlgesonnen, was nicht viele in der Familie waren. Den meisten war ich sicherlich nur eines: ziemlich egal.
Als ich schon weit in den Dreißigern war sagte sie einmal zu mir: "Du warst schon immer ein Vögelchen der besonderen Art!", lachte und herzte mich und mir war klar: ich bin so wie ich bin und das ist auch gut.
Dabei sind wir gar nicht so anders als andere Menschen. Oder vielleicht sind wir es und bemerken es nur nicht, weil es uns im Prinzip egal ist wie andere Menschen sind, solange sie uns und anderen gegenüber auch tolerant und nicht wertend sind.
Wenn ich an Tante Emma denke, sehe ich ihr weißes Haar und ein Gesicht, das neugierig, wohlwollend und lachend zugleich in der Welt um die Ecke linst, an zwei feste Arme, die einen herzen konnten, dass einem die Luft wegblieb.
Und noch in einem Punkt sind wir uns ähnlich: wir lassen uns nicht gerne sagen, was wir zu tun oder zu unterlassen hätten, oder wie wir sein sollten, damit man uns mag. Da werden wir borstig, widerborstig.
Lange habe ich sie nicht gesehen, aber Dank meines Bruders habe ich wieder Kontakt und ich werde sie die nächsten 14 Tage besuchen, bevor es zu spät ist. Sie ist nicht mehr ganz die Jüngste und ich möchte sie lachen sehen. Und mit ihr tratschen.
Sie ist nämlich auch ein ganz besonderes Vögelchen.




Kommentare:

  1. Es sieht so aus, dass deine Tante und du euch aus dem allgemeinen Genpool die ähnlichen Komponenten geholt habt! ;-)
    Gut, dass du eine solche Tante Emma hast, den es bringt einem viel im Leben, wenn man einen Mentor hat.
    LG
    Sabienes

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  2. ja, Sabbienes, aber ich habe sie leider viel zu selten gesehen und werde sie jetzt aber bald besuchen. Die Zeit läuft uns davon.
    LG
    Marianne

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