Montag, 10. Februar 2014

Die wilde Ketsche (Familiensaga)

Woher der Name Ketsche kam, weiß ich nicht. Und warum mein Cousin Antony, kurz Tony gerufen, so anders aussah als wir anderen Kinder und nie zum Sonnenbrand neigte, war mir lange ein Rätsel. Hatte was mit dem Zweiten Weltkrieg und der amerikanischen Besatzung danach zu tun.
Ketsche war die ältere Schwester meines Paps und hieß im wahren Leben Fanziska S, geborene K. Und sie war ein Feger. Als ich sie bewusst wahrnahm, war sie schon locker in den Vierzigern, eine gelassene Frau (so nahm ich sie wahr), bei der ich immer nach der Schule zum Essen ging. Abwechselnd ging es auch zu anderen Futterstellen, während meine Mutter einen ihrer Klinikaufenthalte hatte. Die Familie hielt zusammen. Meine Tanten kochten alle gut...
Groß war sie (aus der Kinderperspektive), kurze, blonde Locke, sehr schlank, eher schon hager. Wie mein Paps eben. Und stahlblaue Augen. Nicht dunkelblau. Wir haben ein Mischung aus blau und grau. Ich habe die Augenfarbe meines Paps geerbt.

Tante Ketsche ist gegangen. Von ihrer Generation sind nicht mehr viele um uns. Meine Mutter hat mich so spät bekommen, dass ich mit einer Generation aufwuchs, die meine Großeltern hätten sein können. Aber man bekommt auch als Kind einiges andere mit. Sie putzte an meiner Grundschule, damals kein Grund zum Schämen - heute für manche schon - und wenn sie mit den anderen blau *bekittelten* Frauen schnatternd durch die hallenden Flure zog, fühlte ich mich irgendwie zuhause.
Wo gibt es denn heute, dass eine Tante in ein Klassenzimmer geht, die Stickarbeit ihrer Nicht nimmt und lachend sagt: langes Fädchen, faules Mädchen?
Meine Lieblingsgeschichte erzähle ich jetzt euch:

Die Wilde Ketsche

Sie waren noch Kinder. Und wohnten noch in dem kleinen Häuschen, am Ende der engen Gasse, die danach, ein Haus weiter, steil zum Dorfbach führte. Es war ein typisches Haus in dem alten Teil des Dorfes. Anderthalbstöckig, mit einem kleinen Innenhof und einer Scheuer. Einem Stall. Unten die Viecher, oben das Heu. Hinter dem Haus ein kleiner Garten. Alles klein. Sehr klein. Hier zog meine Großmutter 11 Kinder groß und überlebte leider einige ihre Kinder. Das sollte keiner Mutter passieren. Sie war eine sehr freundliche, warmherzige Frau, meine K-Oma.
Die Scheune war Spielplatz, aber an diesem Tag jagte Ketsche meinem Paps mit der Mitgabel über den Hof und in die Scheune. Ich stelle mir die Szene so vor: gackernde, wild flatternde Hühner, die versuchten sich vor den beiden in Sicherheit zu bringen. Der Boden mit Pfützen überzogen, meine Paps in kurzen Hosen und Hemd, meine Tante im leichten Sommerkleid. Ich weiß nicht, ob es Spaß war oder sie ihn tatsächlich umbringen wollte. Bei dem Temperament, das in meiner Familie vorherrscht, wäre auch letzteres denkbar.
Er versuchte sich nach oben, auf den Zwischenboden zu retten, als sie ihn erwischte. Oder lag er da schon im Heu? Sie stach zu. Sie traf. Und wie sie traf. Eine der Zinken bohrte sich in den Oberschenkel und traf die Hauptschlagader des Beins. Mein Vater muss geschrieen haben. Und vorbei war es mit der wilden Hatz, dem wilden Spiel. Er hat es überlebt. Zäher Bub.
Wie es weiterging ist nicht überliefert. Wahrscheinlich Bein abbinden, Arzt, die nächste Klinik weit weg. Was danach kam? Meine Oma war weich, aber Opa Herrmann, den ich leider nie kennen lernen durfte, nicht.  Also gab es bestimmt Hiebe für Ketsche.

Ich sehe sie vor mir. Mit ihrem neugierigen Blick. In den Fluren der Schule, wie sie mit dem Riesenmob durch die Gänge wippte. Der Boden ein Traum zum Schlittern, Holz*kläpper* waren verboten, da es ein Höllenlärm verursachte, wenn im Sommer alle Mädels mit Shorts und *Kläpper* die Flure fluteten.

Ich stelle mir vor, dass sie und mein Paps jetzt wieder fangen spielen, und höre Kinderlachen.
R.I.P. Tantchen


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