Sonntag, 23. Februar 2014

Hasch mich, ich bin der Frühling (Sonntagsgedanken 7/2014)

Blauer Himmel! Endlich! Die ersten Blüten knospen zaghaft, die Menschen drehen ihre Gesichter in die Sonne. Wenn der kalte Wind nicht wäre, wären die Straßencafes schon wieder bevölkert wie ein Bienenstock, wildes Durcheinander und das Summen und Brummen der Gespräche.
Ich genieße es auch, auch wenn die Pollen fliegen  *wie'd Sau*. Badischer Ausdruck für *enorm*.
Die Frühlingssonne macht es einfacher das zu verdrängen, was in unserer nächsten Nachbarschaft passiert.
Manchmal denke ich, das wir Deutschen in einer Enklave leben, beschützt und abgeschirmt. Wir empören und entsetzen - jedenfalls einen Teil - uns, aber es betrifft uns nicht wirklich. Und so lange es uns nicht (be)trifft, bleibt es beim kollektiven Netzaufschrei einer Minderheit.
Alleine die Tatsache, dass für Großprojekte wie Sotschi und Katar Menschenrechte mit Füßen getreten werden.
Die Spiele finden statt und die Massen kleben an der Flimmerkiste am Flatbildschirm. Da ist es entsetzlicher, dass eine deutsche Sportlerin positiv getestet wurde. Das empört die Volksseele.
Und was tut es zur Sache, dass 400 Inder in Katar ums Leben kamen, wenn die deutsche Nationalelf einen guten Platz macht. Es ist doch viel schlimmer, wenn *Schland* schon wieder nicht Weltmeister werden sollte. Aber dann kann man es ja auf die Hitze schieben.
Korrupte Hochrangige IOC und FIFA Mitarbeiter entscheiden sich aus unerfindlichen Gründen für Sportstätten wie Sotchi und Katar. Ein Schelm der da an Bares denkt.
Auch wenn ich die Spiele boykottiere - ich glaube allerdings nicht, dass das wirklich jemanden juckt - so entkommt man den Nachrichten nicht.

Während die Welt ihren Idolen zujubelt brennt die Ukraine. Die Lage eskalierte. Die Bilder waren entsetzlich. Es starben Meschen - gezielt abgeschossen durch Scharfschützen. Hier gibt es trotzdem kein schwarz-weiß. Die Informationen über den Widerstand - der wochenlang friedlich war - sind widersprüchlich, vielfältig und verwirrend. Gestern las ich in einem anderen Blog, dass ein Rabbi die jüdische Bevölkerung aufforderte die Ukraine schnellst möglich zu verlassen, da er Übergriffe seitens der Ultranationalisten und Rechten befürchtet. Ich kann nicht beschreiben, was ich in diesem Moment fühlte, aber ich dachte: ist es schon wieder so weit? Lernen es die Menschen nie?
Wie es in der Ukraine weitergehen wird ist schwer vorherzusehen. Es ist ein Tauziehen um die Vorherrschaft von Ost (Russland) und West (Europa und USA).

Denkt jemand noch an Syrien? Oder an Lampedusa? Sind wir schon so abgestumpft, weil das Elend der Welt jeden Tag - hoch aufgelöst - über die Bildschirme in unser Leben strömt, unterbrochen von der zartesten Versuchung seit es Schokolade gibt und der neuesten Rabattschlacht eines Elektronikkonzerns.
Wahrscheinlich muss man es ausblenden, um nicht zu verzweifeln. Aber man sollte es nicht vergessen. Und handeln.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen