Sonntag, 2. Februar 2014

Schönfärbende Worte (Sonntagsgedanken 5/2014)




Schon wieder ein Monat vorüber? Heute ist schon der 2.2.2014. Am 4.4.2014 werden sich wieder viele das Jawort geben und sich ewige Liebe schwören. Aber dies soll nicht mein Thema heute sein.
Es geht mir um Worte und die Macht, die wir ihnen verleihen. Angeregt zu diesem Thema hat mich ein Facebookpost von Selma, die da schrieb (ich zitiere hier wortwörtlich):

"BEHINDERUNG - das böse Wort?

Eine Behinderung ist etwas das beeinträchtigt, das den einfachen geraden Weg versperrt und an sich eigentlich Einfaches merklich erschwert. Kurz, etwas das behindert.

Eigentlich doch ein perfektes Wort das genau das ausdrückt was es ausdrücken soll.

Stellt sich die Frage warum gerade Menschen ohne Behinderung dieses Wort oft nicht mögen.
Statt einfach von Behinderten zu sprechen werden Konstrukte wie „besondere Menschen“, „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“, „bedürftige Menschen“ etc. gebraucht."


Allerdings hat sie selbst abgeschrieben (sagte sie mir sofort, als ich fragte, ob ich sie zitieren dürfte) und zwar hier:
https://www.facebook.com/AH.TA.eV
Wer nicht auf Facebook sein mag klickt hier:
https://www.ah-ta.de/

Ich selbst nenne mich ja scherzhaft Krüppel, an manchen Tage humple ich stark und spätestens, wenn ich Treppen nach unten gehe, sieht man das ich stark im Bewegungsablauf eingeschränkt bin, je nach Tagesform mal mehr, mal weniger..
Was mich während der ganzen Rehabilitationszeit wunderte war, dass mich Menschen ständig, wegen meiner Wortwahl, zurechtwiesen:
*Das heißt Gehilfe, nicht Krücke!*
*Man sagt nicht Behinderte!*
*Sag doch nicht Krüppel!*
Wenn mich Freunde scherzhaft Krüppelinchen nannten lachte ich herzhaft mit, denn ich wusste wie sie es meinten. Es traf mich nicht. Aber mancher Blick traf mich um so mehr, wenn ich mich in der U-Bahn schwerfällig aus dem Sitz hochstemmte. Als ich noch an Krücken  Gehilfen ging, waren diese Blicke eher mitleidig, manchmal neugierig, aber auch hier schon manchmal abwertende und abfällig. Ohne Krücken waren es meist die letzteren Blicke, die mir die Gedankengänge der Mitpassanten offenbarten. Oder eben den Verdacht was sie denken könnten, denn man selbst ist etwas empfindlich am Anfang.

Mir geht es um die wahrgenommene Macht der Worte, um die Bezeichnungen. Nicht wie wir es nennen, sondern was wir damit meinen ist ausschlaggebend. Wenn ich keine hohe Meinung von etwas habe kann ich es nennen wie ich es möchte, es wird meine Denkweise nicht ändern.
Die Sprachdiskussion bevölkert schon länger Zeitungen, Magazine, Blogs und Social Networks. Da wird sich über Mohrenküsse echauffiert - dazu muss ich sagen, wenn sich ein Mensch der ethnischen Gruppe durch solche Wörter beleidigt fühlt, dann benutze ich es nicht mehr, das ist eine Sache des Anstands -, die Zigeunersoße sorgte für Wirbel und sage bloß nicht *behindert*.
Doch, ich sage es! Behindert. Ich sage von mir selbst, dass ich gehbehindert bin, dass ich Krücken benutzte und leider bald wieder benutzen muss. Ich bin in meiner Bewegung eingeschränkt und darf mich behindert nennen.
Jedes Wort kann zum Schimpfwort werden, wenn es in einem abfällig Ton ausgesprochen wird. Oder man packt noch ein Fäkalien beschreibendes Adjektiv davor .... du stinkender, dreckiger, scheiß *Was-auch-immer*.
Ob es sexuelle Orientierung ist (*Bist du schwul, oder was!?* *Eh voll schwul* *scheiß Lesbe*), ob es die Hautfarbe ist oder eben ein körperliches Gebrechen - in dieser Hinsicht ist der Kreativität mancher Menschen wirklich keine Grenzen gesetzt. Wie sagte meine Oma immer so treffend: der Ton macht die Musik. *Spasti* war zum Beispiel ein ganz normaler, abwertender Ausdruck meiner Kindheit für tollpatschige Mitschüler. Ob ich ihn selbst benutzt habe, kann ich gar nicht sagen. Kinder sagen viel. Wenn man ihnen es nicht anders vorlebt oder ihnen freundlich erklärt.

Man kann auch für den schlimmsten Misstand eine schöne Formulierung finden, aber ändert es etwas über die Denkweise?
Eine Putzfrau  (ich würde meine lieben, wenn ich mir eine leisten könnte!) nennt man heute *Reinigungsfachkraft* oder gar *FacilitymanagerIn*. Bringt irgendjemand deswegen der mobschwingenden Putzfrau mehr Respekt entgegen als vorher?
Wohl kaum.
Jemand der keinen Respekt vor bestimmten Menschen hat wird auch nicht durch andere Bezeichnungen Respekt entwickeln, dazu ist mehr nötig.
Versteht mich bitte nicht falsch: aus Respekt spreche ich von anderen nicht als Krüppeln, Schwarze bezeichne ich nicht als Neger, ich sage Sinti und Roma und nicht Zigeuner. Aber ich respektiere diese Menschen so oder so als das was sind: gleichwertig.
Und um das geht es.
Respekt.

In diesem Sinne, euch einen schönen Sonntag.

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