Sonntag, 6. April 2014

It's all about love Sonntagsgedanken 14/2014

Plakat der Bildungsplan-Gegner, es spiegelt NICHT meine Meinung zu diesem Thema wieder,
vor allem gibt es das Ziel des Bildungsplans in keinster weise korrekt wieder
 Normalerweise fällt mir das Schreiben leicht. Ich habe ein Thema, setze mich ans Laptop und tippe meine Gedanken auf das virtuelle Papier, lasse es meist Gegenlesen und gut. Es sprudelt mal mehr oder weniger witzig, schräg, ernst aus mir heraus. Es macht Spaß. Normalerweise.
Diesmal ist es anders. Seit gestern schiebe ich die Worte in meinem Kopf hin  und her, versuche das Erlebte so zusammenzufassen, dass nicht aus jedem Buchstaben der Zorn heraus bricht und das Ganze einigermaßen fair bleibt.
Das Thema ist kompakt. Es vermischen sich viel Dinge. Ich versuche es jetzt einfach.  

Welche Mehrheit wird denn diskriminiert?

In Baden-Württemberg wurde/wird der Bildungsplan zu 2015 so verändert, dass Toleranz gelehrt wird, im Rahmen der Sexualaufklärung. Es geht um sexuelle Vielfalt. Nennen wir es beim Namen: es geht um Hetero-, Homo,-Bisexualität, und vieles mehr. Es geht darum, den Kindern das Thema nahe zu bringen, dass die sexuelle Orientierung nichts schlimmes ist. Aufklärung bedeutet das Ausräumen von Vorurteilen und Mythen. Das regt mich NICHT auf. Ich wünschte die Aufklärung zu meiner Schulzeit wäre so gewesen...

Gegendemonstranten
Ich versuche zu verstehen warum dies manchen Menschen Angst macht und komme immer wieder zu den selben Schluss: Unwissenheit. Es ist wie mit allem Fremden: nur ein kleiner Teil der Gesellschaft findet es spannend Neues zu entdecken, der Rest hat Angst davor und auch vor Veränderung. 
Natürlich kann ich verstehen, dass man sich seinen Ängsten Luft machen möchte. Und ernst genommen werden möchte. Soweit so gut.

Ich fragte mich: was will dieses Schild mir sagen?
Was sich aber auf Stuttgarts Plätzen jetzt zum Thema Bildungsplan mehrmals abspielte macht mich sehr nachdenklich, zum Teil wirklich wütend und ich frage mich, ob die Beteiligten sich überhaupt wirklich mit dem Bildungsplan auseinander gesetzt haben. Aber ganz von Vorne.
Gestern trafen sich zum dritten mal "besorgte Eltern" in Stuttgart, diesmal vor dem Rathaus.
Ich wollte es selbst sehen und hören und mir ein Bild machen und ging zum Marktplatz, dem Ort der Demonstration. Die Polizei riegelte schon die Zugänge mit Hamburger Gittern ab und ich war überrascht über den Aufmarsch so vieler Bereitschaftspolizisten in voller Einsatzmontur.

Warum?
Ich  suchte mir ein Plätzchen und beobachtete wie sich der Platz füllte. Ein Drittel der Marktplatzes war dann besetzt, eifriger Helfer verteilten Luftballons in rosa und hellblau, Schilder in den gleichen Farben (bei denen sie allerdings Mühe hatten sie an den Mann bzw die Frau zu bringen) mit der Aufschrift: Demo für alle! (Ist ja im Grunde nicht verkehrt) und Flugblätter. Eines davon nahm ich an mich. Den Scan davon findet ihr am Ende des Artikels. 


Als die Ordner aufmarschieren beschlich mich ein wirklich ungutes Gefühl. Sie sahen eher nach Schlägern aus, denn wie normaler Demo-Ordner. Später erfuhr ich, dass die Polizei einen Mann bei den Ordnern entdeckt hatte, der schon bei Neonazi-Aufmärschen als Ordner dabei war. Ob und wie die Polizei handelte weiß ich leider nicht.  Ca 600 Menschen hatten sich eingefunden, als aber dann eine der Sprecherinnen davon sprach, dass sich die Teilnehmerzahl um mehrere 100% gesteigert hätte musste ich unfreiwillig loslachen. Übersteigertes Selbstwertgefühl nenne ich so etwas.
In der Zwischenzeit hatten sich Freunde und Bekannte von mir eingefunden. Und sie waren ebenso fassungslos wie ich, was dann von der Bühne herunter schallte und welche selbstgemacht Schilder hoch gehalten wurden.

Ist Aufklärung Manipulation? 
Manche skandierten: *Kinder brauchen Liebe, keinen Sex.* Wo das allerdings im Bildungsplan stehen soll, also das Kinder Sex haben sollen, können sie aber nicht sagen. Das steht da nämlich nicht. Der Verdacht keimt auf, dass die Damen und Herren den Bildungsplan gar nicht gelesen haben. Sie interpretieren es aber so.
Von Rufen wie *Schützt unser Kinder!* wurde nicht mehr so oft Gebrauch gemacht, weil sofort von Gegendemonstranten *Vor euch selbst!* zurückschallte.
Ein männlicher Demonstrant rief einer Gegendemonstrantin zu: *Geh heim und krieg' Kinder!". Dieser Satz alleine sagte mehr aus als eine lange Diskussion mit dieser Person. Ein überholtes, verstaubtes Rollenbild bricht (wieder) hervor. Frau, husch: in die Küche, an den Herd und ab ins Bett...

Gegendemonstranten 
Während sich bei einer der letzten Kundgebungen der  Bundestag-Politiker der CDU, Stefan Kaufmann, auf der Seite der Gegendemonstranten zeigte, und mit ihm unter anderen die Grünenpolitikerin Brigitte Lösch, haben diesmal ein weiterer CDU Politiker, aber auf Landesebene, mit einem Grußwort an die Bildungsgegner gewandt - Peter Hauk. Und mit ihm sein Kollege von der FDP, Hans Ulrich Rülke. Was wohl Herr Kaufmann zu seinem Parteikollegen sagen würde? Für mich sieht es aus, als würden die beiden Herren auf Stimmenfang gegen die Grünen gehen. 

Nach all den Rednern verstand ich immer noch nicht, warum diese Menschen solche Angst vor einem Teil des Bildungsplan haben. Homosexuell wird man nicht, man IST es. Es ist nicht heilbar, weil es keine Krankheit ist. Andersartigkeit bedeutet Vielfalt, keine Einschränkung. Das Ziel des Bildungsplans ist eine Ebene zu schaffen für Toleranz und Akzeptanz aller Menschen, egal welche sexuelle Orientierung sie haben, damit eben so etwas nicht mehr geschieht: Vorurteile gegenüber Menschen, die anders als man selbst sind. 

Es kommt nicht oft vor, dass ich die zehn Gebote zitiere: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
Da steht nichts davon, dass der andere wie man selbst sein muss, um geliebt zu werden.

(Es hieß zu erst, es seien Knüppel bei einigen Demonstranten gefunden worden und ein Messer, aber das wurde wieder zurückgezogen, schlimm genug, dass Gegendemonstranten angespuckt wurden.)


Mehr zu dem Thema findet ihr auf der Webseite der Beobachter.

Der Flyer der Bildungsplan-Gegner (lesen auf eigene Gefahr):










Kommentare:

  1. bitte die flyer in besserer auflösung einstellen... ansonsten danke für den bericht.

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    1. Lieber Anonymus:
      wenn es mir technisch möglich gewesen wäre, hätte ich den Flyer in besserer Qualität eingestellt. Leider ist mein Blog kein *Wünsch dir was* Forum ;)

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  2. "Homosexuell wird man nicht, man IST es."

    Ich weis das Thema ist emotional aufgeladen und im Real Live würde ich dafür vermutlich den Mund verboten bekommen.
    Daher noch kurz vorher: Mir ist es schnurz, wen jemand liebt und er soll das verdammt nochmal tun dürfen!! Dennoch:

    Ist es kein Fakt, dass man durchaus homosexuell werden kann? Wie sieht es aus, wenn man eine Gruppe nur aus Männern hat (zB: Gefängnisse, Schiffe(frühr)). Das Klischee, das ja irgendwo her kommt, besagt, dass Männer, die nur unter Männern sind irgendwann anfangen Männer attraktiv zu finden.

    Blasphemie oder darf man das schreiben?

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    1. Hallo Anonymus,
      Man kann darüber sprechen,und dann kann man auch etwas klären: Mann/Frau sind nicht unbedingt homosexuell, wenn sie gleichgeschlechtlichen Sex haben. Es ist bekannt das Mädchen und Jungen, vorallem in gleichgeschlechtlichen Internaten, sich ausprobieren. Deswegen sind sie noch lange nicht homosexuell. Männer und Frauen, die vom anderen Geschlecht getrennt werden, wie zum Beispiel durch den angeführte Gefängnisaufenthalt, greifen auf das zurück was sich *bietet.
      Sind sie deswegen homosexuell? Wohl kaum.
      Viele homosexuelle Menschen leben jahrelang in herterosexuellen Gemeinschaften, bis sie den Mut fassen ein für sie normales, eben ein homosexuelles Leben, führen. Waren sie deswegen je heterosexuell?
      Um das geht es nämlich: Kindern und Jugendlichen nicht zu sagen wie zu zu werden haben, sondern das anzunehmen was sie sind.

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    2. Dein Gegenbeispiel ist wirklich gut und griffig :-)
      Stimmt was du schreibst, danke für die Antwort.
      Du beschreibst mit Homosexualität als die tatsächliche Liebe (inkl. Sex.) während ich davon ausgegangen bin, dass Liebe = Sex ist. Deine Version macht jedenfalls mehr Sinn. Schade, dass das nicht common sense ist.

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    3. Ich lebe in der Hoffnung, dass unter uns Menschen irgendwann einmal üblich wird das Verbindende und nicht das Trennende zu sehen.
      Danke für dein Feedback.

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