Freitag, 2. Mai 2014

Stolz und Vorurteil

Die junge Frau am Schalter begrüsst mich mit einem herzlichen Lächeln, das auch ihre Augen erreicht. Mit einem melodischen *Hallo, was kann ich für Sie tun?*, blickt sie mich freundlich an. Ihre Erscheinung ist gepflegt und sie ist eine wirklich schöne Frau. Ihr ovales Gesicht ist eingerahmt .... nicht von einer Flut dunklen Haares, sondern von einem dunklen, violetten Chiffonschal, der eng anliegt und das Haar verbirgt.
Und ich ertappe mich dabei, dass ich wieder einmal über das Verbergen der Haare nachdenke.
Während man vor Jahren eher ältere Muslima mit Kopftüchern auf der Straße gesehen hat und junge Frauen oft sehr *westlich* daher kamen, tauchen die *Kopftücher* jetzt auch vermehrt in Szenecafes auf und bevölkern das Straßenbild.
Es hat sich etwas verändert. Und es wird Zeit, dass es sich auch in unseren Köpfen verändert:
Früher habe ich diese Art der Kopfbedeckung als Angriff auf meine fraulichen Freiheiten gesehen, ich fühlte mich unwohl, gar bedroht. Fand es unmöglich, das Frauen sich so unterdrücken ließen.
War das richtig? Ich meine: Habe ich die Situation richtig eingeschätzt? Oder habe ich nur meine Vorurteile unter dem Mäntelchen der Emanzipation gepflegt?
Die jungen Muslimas treten selbstbewusst auf. Sie kommen in allen Schichten vor: An den Unis, in Büros, im Verkauf. Selten sieht man sie als Reinigungskräfte.
Wieso fühlen sich so viele von diesen Kopftüchern bedroht? In ihren Grundrechten?
*Muslimische respektieren uns westlichen Frauen nicht!*, höre ich manchmal. Allerdings wird das dann anders formuliert. Ich grüble schon länger darüber nach. Respektieren den unsere *eigenen* Männer uns? Nicht alle. Und da haben wir das Grundproblem: Verallgemeinerung. Es gibt solche und solche.
Wenn ich mit Abend Make up, offener, roten Haarmähne, tiefen Ausschnitt in der Bahn sitze, starren mich manche Männer an. Bzw meinen Ausschnitt. Als Teenager hatte ich manches mal Mühe mir aufdringliche. ältere Herren vom Leib zu halten. Und dann war/ist es egal welche Herkunft sie haben.
Und da ist es wieder. Es gibt ihn nicht: Den allgemeingültigen Mann.
Und es gibt auch ihn nicht: den allgemeingültigen Muslim. Oder den allgemeingültigen Christ. Oder Deutschen.
Wir  sind alle Menschen, alles Individien.
Und mir ist eine freundliche Muslima auf einem Amt hundertmal lieber als eine verstockte was-auch-immer.

Auch ich entdecke immer wieder Vorurteile bei mir. Ich arbeite daran....


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