Samstag, 5. Juli 2014

Reise, Reise....

Ich liebe Bahnhöfe. Besser gesagt: Ich mag ihre Atmosphäre. Auch wenn sie gerade meinen Heimatbahnhof ausweiden wie einen gestrandeten Wal und die entglaste Dachkonstruktion wie die abgenagten Rippen eines urzeitlichen Techniktieres in den Himmel ragen. Zwischen Dreck, Bretterzäunen und Absperrungen pulst das Leben.
Wenn ich reise, dann mit viel Zeit im Gepäck. Einen Hetzer kann man mich nicht nennen, wenn ich eine Reisetasche in die Hand nehme, verändert sich mein Wesen. Alle Antennen werden auf Empfang gestellt, Haut und Membranen sind durchlässig für jeden Windhauch, die Nase schnuffert schon erwartungsvoll und die Brillengläser sind geputzt....
Den Zeitpuffer habe ich mir angewöhnt - leidvolle Erfahrungen mit dem Anbieter *Bahn*.
Sobald ich einen Bahnhof betrete beziehe ich einen günstige Position und beobachte das bunte Treiben - picke mir den einen oder die andere heraus und sinniere über das Auftreten der Person, versuche den Gesichtsausdruck zu entschlüsseln.
Früh morgens spucken die angekommenen Züge unendliche Mengen an Menschen aus, die durch die geöffneten Türen auf die Bahnsteige quellen. Getrieben, wie durch nicht sichtbare Peitschen und Antreiber. Die meisten strahlen eine derartige Unfreude aus, dass es dem Beobachter fast weh tut. Die meisten Gesichter sind zu ernsten Masken erstarrt, volle Konzentration auf den Weg, es wird gehastet, geschoben und gedrängt - ohne sich dabei auch irgendwie zu berühren - das Ziel, was immer es ist, scheint nicht erstrebenswert zu sein und doch zieht es sie alle dorthin.
Ab und zu taucht ein heller Blick in der Menge auf oder ein entspanntes Gesicht. Aber das sind Ausnahmen.
Miesepetrig, mit ernsten, trotzigen oder müden Schritten, überbrücken die Pendler die Distanz zwischen den Fernzügen und den S-Bahnen, um in deren Türen so schnell zu verschwinden wie sie aus den Wagons der Züge aufgetaucht sind.
Private Fernreisende sind, anders als die Pendler, meist aufgeregter, meist freudig. Geschäftsreisende strahlen eine gewisse distanzierte Routine aus, entspannt oder zumindest den Eindruck erweckend alles im Griff zu haben. Es ist schon erwähnenswert, dass die Reisenden sich anscheinend ihrem Transportmittel entsprechend verhalten - S-Bahn, Interregio oder ICE.
Als würden diese auf sie abfärben -  aber die Ausnahmen bestätigen die Regel.
Es ist kurz vor sieben Uhr morgens, der Morgen ist kühl und die Tauben torkeln schlaftrunken an meinen Füßen vorbei, ab und zu einen hoffnungsvollen Blick auf meine Brezeltüte werfend. Ich mag sie nicht enttäuschen und gebe ihnen von meinem Frühstück ab.
Jaja, ich weiß: geflügelte Ratten. Aber ich sehe auch verkrüppelte Füße und habe Mitleid.
Mitten in der Menschenmenge scheine ich unsichtbar zu sein und geniesse meinen anonymen Beobachterposten. Nur ab und zu bleibt ein mich streifender Blick auch hängen, man hat Augenkontakt und wenn er den Bruchteil einer Sekunde übersteigt, scheint es als würde ein gegenseitiges Erkennen aufflammen. Eine kleine Geste, eine minimale Veränderung der Mimik sagt: Ich sehe dich. Manchmal entsteht spontan ein Lächeln. Sehr selten. Sehr kostbar. Zwei Fremde begegnen sich nonverbal und das Universum atmet einen Moment lang entspannter.

Auch ich muss irgendwann in diesen Irsinn eintauchen, um von meinem Beobachterposten zu meinem Transportmittel zu kommen. Ich lasse mir Zeit und die Masse umfliesst mich wie ein Schwarm Fische, teilt sich vor mir, um hinter mir wieder die Reihen zu schliessen, bis auch ich in dem Bauch eines der stählernen Ungetüme verschwinde, als wäre ich nie da gewesen.



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