Dienstag, 12. August 2014

Fluchmond - Geschichten aus dem Schwarzwald (Buchbesprechung)


Zur Zeit halte ich mich sehr oft im Schwarzwald auf. Ich mag Gruselgeschichten. Werwölfe finde ich irgendwie sexy - die Comicfigur Red Hood (eine Homage an Rotkäppchen) lässt mich ins Schwärmen geraten. Ich mag die Stimmung, wenn der Nebel in den Tälern unter mir wabert - so lange ich nicht durch ihn umher irre. Bei Vollmond kann ich nur schlafen, wenn ich eine Flasche Rotwein intus habe.
Also warum sollte ich nicht meine Nase in dieses Buch stecken?
Der Einband versprach ja schon: Schwarzwald, Wolf und Vollmond. Und es ließ sich flüssig lesen. Und als ich es las hatten wir Vollmond. Ich hatte es in zwei Tagen durch. Die Abwechslung zu den Steuergesetzen war willkommen.
Ich falle jetzt mal mit der Tür ins Haus: wenn der mystische Kram drum herum nicht wäre, wäre es eine Liebesgeschichten, mit den üblichen Irrungen, Wirrungen und Dramen und heiße Liebesszenen. Hübsche Hauptdarstellerin, dunkler Ritter als Held, das unglückliche Opfer eine Nebenfigur und so weiter und so fort.
Warum ich es nicht aus der Hand legte - nun dafür gab es mehrere Gründe.
Zum ersten die Sprache. Nicht gerade Hochliteratur, aber wie schon erwähnt, flüssig geschrieben, leicht zu lesen. Ich wünschte mir die ganze Zeit den November herbei, weil der Wunsch mich in eine Decke zu kuscheln, bei Lampenschein und Rotwein schlürfend weiter zu schmökern, einfach übermächtig wurde. Irgendwie kommen Werwolfgeschichten im Sommer und im Strandkorb nicht so gut.
Die Figuren sind gut gezeichnet und treten einem sehr bildhaft vor das innere Auge, auch ihre Umgebung. Man sieht sie praktisch vor sich. Es ist, als würde man sich mit den Figuren bewegen und direkt dabei sein.
So weit so gut. Was mich allerdings amüsierte war die Beschreibung des *dörflichen* Umfelds. Irgendwie erwartete ich immer, dass Dr. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik auftauchen würde.Von der Hilfsbereitschaft der Dorfgemeinschaft bis zum Altweiberklatsch (auch junge Frauen tratschen wie die Alten), Vorurteile und Vorverurteilungen. Wie alte Geschichten bis in das Jetzt wirken. Kam mir irgendwie bekannt vor. Bin ich doch auf einem Dorf großgeworden, zwar nicht unter dunklen Tannen, aber immerhin: Dorf.
Die Autorin lässt nichts aus, und just wenn man denkt, jetzt kann ja nichts mehr passieren geht die Post ab.
Es wird blutig, dramatisch und sehr, sehr heldenhaft.
Nach dem Lesen des Buches hätte ich die Heldin einkleiden können: Viele der Beschreibungen bezogen sich nämlich auf deren - und der Kleidung der anderen.  Jedes Outfit wurde akribisch beschrieben. Nun, schlimm fand ich es nicht, aber wenn eine meiner Freundinnen einen dunkelblauen Nicki-Anzug anziehen sollte, werde ich wahrscheinlich ein wenig schräg gucken und seltsame Witze reißen.
Fazit: Lesespaß für relaxte Abende, wenn man sich entspannen möchte. Nicht zu leicht, nicht zu schwer, wie ein leichter, gut gekühlter Weißwein an einem lauen Sommerabend.
Und ein klein wenig: Kitsch as kitsch can ....

Simone Dorra, Fluchmond, Fantasy Roman, erschienen im Silberburgverlag
ISBN 978-3-8425-1345-7

Kommentare:

  1. Nee, Hochliteratur ist wirklich nicht men Ding. Ich erzähl lieber Geschichten. (Wenn sich das allerdings verbinden lässt, wie bei Steinbeck und Sienkiewicz, dann bin ich unbedingt dabei.) Und Finkenweiler ist nicht wirklich Glottertal. Leuten wie den Armbrusters begegne ich in "meinem" etwas größer geratenen Dorf täglich auf der Straße.

    Danke für diese witzige Leseempfehlung! (Manchmal lohnt es sich wirklich, das eigene Buch zu googeln...)

    Ach, und noch ein Letztes: es gibt einen signifikanten Unterschied zwischen Hausanzügen aus Samt und solchen aus Nicki-Stoff. Erstere sind von schlichter Eleganz, letztere haben den Charme von Großmutti in der Reha. Der von Miriam ist aus Samt.

    *reicht eine Flasche Rotwein, einen Leuchter mit brennenden Kerzen und eine Kuscheldecke rüber*

    Herzliche Grüße

    Simone Dorra

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