Dienstag, 30. September 2014

Begegnungen

Ich springe ein wenig in der Zeitabfolge zurück.
Vor mir der Weg, der parallel zum Bahnhof verläuft, rechts vor mir der Biergarten. Die Menge ist unruhig. Die Polizei versucht uns immer wieder in kleinere Gruppen zu teilen, jedenfalls hat es den Anschein. Die Wasserwerfer warten noch vor dem Park.
Mir fällt ein älterer Mann im Anzug auf. Jemand sagt mir es sei der Chef der Grünen. Scheu kenne ich nicht oft und als ich sehe das der geht, folge ich ihm und spreche ihn an, wohin er den wolle. Er müsse in den Landtag (oder so was ähnliches....). Ich bin so verblüfft, dass ich ihm nachrufe, er könne uns doch jetzt nicht alleine lassen. Er läuft weiter ohne sich umzudrehen.
Es wird nicht das letzte mal sein, dass er *uns* alleine* gelassen hat. Diese Begegnung war einer der vielen Gründe warum ich ihn nicht wählte. Auch wenn ich eine zeitlang glaubte es würde etwas ändern. *Aber der Käs isch scho lang gässa.*

Zeitsprung:
Wir sind nass. Bis auf die Knochen. Jetzt wird der September spürbar. Es wird uns kalt. In mir brodeln Zorn, Trauer, Unverständnis. Alles tut weh. Zwei Jungs schleppen ein Mädchen an mir vorbei, dessen Augen zugeschwollen sind und das ständig fast kollabiert. Es hat die volle Ladung Pfefferspray abbekommen. In der Zwischenzeit halte ich Abstand zu den *Bullen*. Ich habe mitansehen müssen, wie ein Polizist einem sitzenden  Mädchen den Kopf nach hinten gebogen hat und ein anderer ihr das Pfefferspray aus einer Entfernung von max 20 cm ins Gesicht sprayte. Ich bin traumatisiert ohne es zu wissen. Neben mir steht Wölfle von den Grünen, er weint. Ich bin so zornig. Wir sind alle zornig. Traurig. Ich frage ihn. *Ist das noch ein Rechtsstaat?*, ihm versagt die Stimme er ist so hilflos wie wir.

Zeitsprung:
wir stehen unter den Bäumen. Über uns Jungs in den Kronen. Sie haben die Bäume besetzt. Mutige Kerle. Oder einfach unerfahren. Aber wir lieben sie. Die Besetzung des Wasserwerfers nicht. Für die ist es anscheinend ein Spiel. Spaceinvaders oder so. Sie zielen auf die Kerle. In den Bäumen. Lebensgefährlich für die Jugendlichen.
Der Protest brandet auf, die Stimmen schwellen an, die Wut und Ohnmacht wird von den lauten Stimmen an die Polizeiketten getragen. Prompt kommt Wasser zurük. Neben mir taucht Norman auf, den ich seit sechs Jahren nicht mehr gesehen habe. Er ist Lehrer und will nach seinen Schülern sehen. Wir fallen uns um den Hals, lachen und reden 5 Minuten so, als wären wir uns sonstwo begegnet, tauschen Handynummern, lachen.
Bis der nächste Wasserstrahl den Jungen fast aus dem Baum fegt, die Menge drängt gegen die Polizeikette, das Wasser wird gegen uns eingesetzt, alles fangen an zu husten. Reizgas.

Anmerkung. Pfefferspray und Reizgas dürfen im Krieg nicht einngesetzt werden. Sie fallen unter die Genfer  Konvention. Aber wir sind ja keine Soldaten. Wir sind nur Bürger.
Die Stuttgarter Einsatzleitung streitet ab, den Tanks der Wasserwerfer irgendwas beigemischt zu haben. Ich habe seitdem September 2010 wieder verstärkt Asthma. Kann aber auch am Feinstaub liegen.

Ich wäre heute gerne in Stuttgart.

1 Kommentar:

  1. Ich lese Deine Schilderungen und kriege Beklemmungen. Natürlich habe ich das damals verfolgt, aber das so geschildert zu bekommen, ist noch mal was anderes und es macht mich so unglaublich wütend, das sowas in unserem Staat möglich ist.Abwählen ist meiner Meinung nach nicht genug, aber er wird vermutlich nicht mehr zur Rechenschaft gezogen. Ich fahre heute am späten Nachmittag nach Hause, sonst hätte ich mal geguckt, ob ich irgendwo dabei sein kann. So bleibt mir vorerst nur ein schnöder Aufkleber an meinem Auto mit Hamburger Kennzeichen, um zumindest meine Meinung und meine Solidarität auszudrücken. Aber auf einer der Montagsdemos war ich auch schon.

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