Sonntag, 7. September 2014

Die kleine Singularität oder das Nichts im Innern - Sonntagsgedanken 36/2014

Schutzpanzer. Panzerglas. Rückenpanzer. Unsichtbarer Panzer. Ich spreche nicht von militärischen Panzern. Es geht um etwas ganz anderes. Die deutsche New Wave Band Ideal sang darüber: Eiszeit. Noch krasser kommt es in dem Lied Erschiessen.
Es geht um das was was manche Menschen um sich tragen - einen Schutzpanzer. Einen Kokon, den nichts durchdringt, was diese Menschen nicht wahrnehmen möchten.
Es gibt da einiges was man jeden Tag aussperren möchte: Das Leid der anderen. Die Problematik des eigenen Lebens. Schmerz. Wut. Trauer. Sich selbst.
Manche nutzen Mittel, um sich selbst auszuschalten. Es kann alles mögliche sein: Sie futtert sich eine Fettschicht aus Kalorien an, er betrinkt sich regelmäßig, der nächste treibt Sport bis an die Grenzen, die Nächste hungert sich so lange aus, bis das Gehirn körpereigene, opiatähnliche Stoffe freisetzt,  - man ist praktisch die ganze  Zeit high - und nichts berührt einen mehr. Manche ertragen das Leben nur bekifft. So geht jeder seinen Weg.
Es geht auch anders: Verleugnung des eigenen Handelns, Verdrängung, Schuldzuweisungen an andere. Ein Schutzwall aus Gedanken. (Vobei die Schuldzuweisungen an andere weiter verbreitet ist als gemeinhin denkt.)
Aber warum?
Ursachen? Sich nicht mehr wahrnehmen wollen: Was muss da passiert sein? Sting sang: *There is a hole in my live...*.
Vor Wochen wurde ich mit dieser Frage konfrontiert, ob ich das kenne, es schon einmal erlebt hätte und wenn, wie ich das bewältigt hätte.
Die ersten zwei Fragen konnte ich mit einem klaren Ja beantworten. Ich kenne diese Gefühlslage zu gut. Es ist als würde man eine kleine Singularität in sich tragen, die alles aufsaugt, jegliche Energie, die einen schützen könnte. Während man dieses *Loch* in sich trägt, erträgt man nichts mehr und packt sich selbst in Watte, in einen Kokon, der einen vor allem schützt, was einen von außen verletzen könnte. Es ist nicht wichtig, dass man auch Freude nur noch gedämpft empfindet, alles ist besser als dieses Nichts oder den unendlichen Schmerz. Ich spreche nicht von Depressionen.
Wie man da wieder raus kommt?
Ich weiß es nicht wirklich. Ich trage auch weiterhin dieses Loch in mir, es ist da und ein Teil von mir, nicht geliebt, aber akzeptiert. Ich füttere es nicht, denn es ist gierig und ein Nimmersatt. Lachen hält es klein, Traurigkeit lässt es wachsen. Ich habe hinein gesehen und da war nichts. Andere fangen in diesem Augenblick an zu glauben, an Gott, an höhere Wesen, ect. Ich habe auf diesen Weg meinen Glauben *aufgegeben*, Schritt für Schritt.
Ich war 18, saß im Leistungskurs Biologie und erkannte, dass wir Menschen nichts anderes als ein *Haufen Chemie* sind. Ein grauenhaftes Gefühl beschlich mich. Ich sah mich meiner Endlichkeit und der Frage des Seins konfrontiert, ohne Vorwarnung. Anscheinend sah man mir an, dass meine Welt aus den Fugen geraten war, mein Biolehrer sprach mich an, meine Antwort bewog ihn mich heimzuschicken. Ich fuhr direkt zu einer Kirche, setzte mich in eine der Bankreihen und fühlte: Nichts. Nada. Nix. Nur eine bodenlose, unendliche Leere.
Es war nicht wie im Film: Kein verständnisvoller Priester kam und sprach mit mir über den göttlichen Funken ect. Auch erfüllt mich kein Leuchten. In der Kirche, und auch in mir, blieb es still. Aber ich habe daraufhin viel ausprobiert - und genauso viel verworfen. Manches hat mich an den Abgrund gebracht, anderes half. Keine Religion war vor mir sicher, kein Lebensentwurf zu seltsam. Es war die Zeit der Esotherik und anderen Dingen.
Um was geht es denn im Leben?
Der Sinn des Lebens. Oder der Unsinn des Lebens. Ich weiß es nicht. Das Loch ist da. Und in dem Loch sitzt die Angst. Man kann diese Angst füttern, man kann sie ignorieren, aber sie ist da. Sie verliert erst ihren Schrecken, wenn man sich mit ihr konfrontiert und sie akzeptiert.
Man kann sie aussperren, ignorieren, aber sie wird so lange einen Weg finden einen anzufallen solange man ihr Raum gibt und sie nicht erkennt.
Leben bedeutet: Lachen UND weinen, lieben UND trauern. Wer dies erkennt und akzeptiert, kann auch seinen Panzer ablegen, seine kleine, private Singularität akzeptieren.
Trauer zu erfahren und zu leben, Liebe erfahren und sie zu leben und auch zu akzeptieren, wenn sie geht.
Ich habe meine *Endlichkeit* akzeptiert, bin nicht mehr auf der Suche nach der großen Erfüllung, sondern nehme jeden Tag als das was er ist: Ein Geschenk. Man muss nicht jedes Geschenk toll finden, aber die Schönen machen die Unschönen erträglich und lebenswert.

Wer glauben möchte und dadurch getröstet wird, dem sei sein Weg gegönnt so wie ich es schätze, wenn man akzeptiert, dass ich mit meinem Weg zufrieden bin.




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