Montag, 29. September 2014

Die Stimmung kippt

Da kommen sie. Die Bereitschaftspolizisten des UKB. Ihr Ruf eilt ihnen voraus. Sie sind für ihre Brutalität bekannt. Später wird bekannt, dass bewusst keine Polizisten aus Baden Württemberg eingesetzt wurden. Man prügelt ja nicht seine eigenen Landleute durch die gepflegte Parklandschaft.
Irgendwie wirkt alles wie ein schlecht inszenierter Thriller. Die bunt gekleideten Jugendlichen, die ihre Demo ums Eck abbrachen, um *ihren* Schloßgarten zu schützen.
Bürger aller Klassen und Altergruppen, ein blauer Himmel und dann die Hundertschaften die im stampfenden Gleichschritt in den Park strömen. Na ja, nicht gerade im Gleischschritt, eher im Laufschritt. Sie wollen eine Linie bilden, aber wir verhindertn das durch unkoordiniertes Durcheinanderströmen. Wir sind mehr als nur etwas kopflos.
Ich habe eine Scheißangst, denn mir wird immer klarer, dass alles vorhergehende nettes Geplänkel war, auch die Räumungen auf der anderen seite des Bahnhofs. Vereinzelte Schreie klingen durch den Park, jemand schreit - "Die Wasserwerfer, die Schweine setzen die Wasserwerfer ein!"

Es wird ein wenig durcheinandergehen. Es ist vier Jahre her und ich weiß nicht, ob ich chronolgisch ganz richtig liege. Ich bin vor dem Biergarten. Ich kann von meinem Platz aus nicht sehen, was dahinter passiert. Auch nicht, wie einige Jugendlichen von einem Transporter voller Gitter gezogen werden, wie die *Prügelglatze* (ich gebe nur wieder, wie er genannt wurde) voller Panik und Wut um sich prügelt, mit dem Schlagstock um sich schlägt und dabei kreischt: "Haut ab!". Verständnislose Blicke die sich auf ihn richten. Das kenne ich nur aus den Videos. Von den Tagen danach,
Ich bin auf der anderen Seite der Polizeikette und sehe nun fassungslos, wie der Strahl des Wasserwerfers in den Park zielt und trifft.

Die Rufe "Wir sind friedlich, was seid ihr?!", dröhnen in meinen Ohren, ich gehe nach vorne, trotz meiner Angst, eine zerrissene Plastiktüte als Kopftuch. Irgendwie glaube ich es immer noch nicht. Was ist passiert? Wir haben doch gar nichts gemacht? Warum gehen die so gegen uns vor? Wir sind doch keine gewaltbereiten Autonome? Oder doch? Sind wir das, ohne es zu wissen?
Ich höre die Schreie hinter den Wasserwerfern. Noch bin ich einigermaßen trocken. Jemand sagt zu mir. "Los setz dich hin, ab unter die Plane!", aber ich kann mein Knie wegen der Schiene nicht beugen und stelle mich vor die Blockierer. Ich sehe Tess in der Menge, fast bei den Polizisten.
So stehe ich da, das Adrenalin tobt in meinem Körper. Irgendwie wirkt alles nicht echt. Neben mir steht ein Mädchen und starrt auf den Wasserwerfer. Warum ich sie herumzog, weiß ich nicht, sage noch: "Guck da nicht hin!" oder so was in der Art, als uns der eiskalte Wasserstrahl mit voller Wucht an Kopf und Nacken trifft und fast von den Füßen reißt, wir stolpern vor dem Wasserstrahl her, der uns vom Weg treibt und auf uns hält, bis wir hinter den Bäumen sind. Mir schwappt das Wasser aus den Schuhen, jemand reicht mir eine Decke und ich lege sie mir wie einen Poncho um.
Wir sehen alle aus wie begossene Pudel und während wir uns entrüstet ansehen fangen wir an zu lachen. Einen Moment lang nur. Dann schiebt sich ein Pferedearsch auf uns zu. Die berittenen Polzisten lassen ihre Pferde rükwärts auf uns zu tänzeln. Irgendein Witzbold hat einem der Pferde einen Stuttgart 21 Bäbber auf die Flanke geknallt. Wider Willen lachen wir wieder laut auf und versuchen uns wieder nach vorne zu mogeln. Mir ist kalt. Komplett durchnässt, aber irgendwie will ich nicht weg.
Jeder steht für sich, auch wenn er inmitten der anderen ist. Keiner weiß was hinter dem nächsten Baum, hinter der nächsten Polizeikette geschieht. Der Schloßgarten füllt sich immer mehr. Auch ich rufe Gott und die Welt an, schreie ins Handy, weine, und bettle Freunde an die Nachrichten zu verbreiten. Ich sage immer wieder: *Glaubt ihnen nichts, glaubt ihnen nichts, was sie über uns sagen! Wir haben nichts gemacht!*

Anmerkung:
Es widerspricht jeder Dienstvorschrift den Wasserstrahl auf Flüchtende zu halten. Es widerspricht auch jeder Dienstvorschrift auf Köpfe zu zielen. Nur im äußersten Notfall sollen 20 bar eingesetzt werden. All das haben die Besatzungen der Wasserwerfer in Stuttgart getan.
Erst später erfahre ich, dass mir ein Halswirbel verschoben wurde. Erst später erfahre ich, dass behauptet wird, wir hätten Pflastersteine geworfen. Das letztere eine Lüge, aber als sie widerrufen wird ist sie schon in den Köpfen der Tagesschaugucker angekommen. Der Lügner hat sich nie entschuldigt. aber er wurde abgewählt. Er hatte aber zur besten Sendezeit seinen Auftritt. Und die Nation hört zu. Wo Rauch da auch Feuer? Aber später dazu mehr.


Bilder zum Tag: http://sur-kultur.net/

Kommentare:

  1. Auch ich erinnere mich sehr gut an diesen Tag - wenngleich ich nur via Facebook, Twitter und durch deine Anrufe live dabei war. Beinahe wäre ich mit meiner Tochter, die zu diesem Zeitpunkt gerade 2 Wochen eingeschult war, auch zu dieser Demo gegangen. Glücklicherweise habe ich mich dann anders entschieden, als ich schon mittags übers Netz mitbekam, dass die Dinge falsch liefen...

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  2. Erinnert mich vage an die Demos in den 70er und 80er Jahren. Brokdorf, Wackersdorf oder die Studentenproteste in den 60er. Im Jahr 2000+, wo alle vernünftig sind, kaum noch einer extrem ist, brav die Bürger, brav die Ordnungsorgane kann man sich solche Szenen nicht vorstellen.
    LG
    Sabienes

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