Mittwoch, 22. Oktober 2014

Mutter Sprache

Wer mich kennt, weiß dass ich nichts gegen eine grobe Wortwahl habe. Was ich damit meine ist, dass ich aus einem Landstrich der Bundesrepublik komme, in der man Schimpfwörter fast als Kosewörter nutzt. Aber es gibt Ausnahmen. Ich reagier super empfindlich gegen gewisse *Bezeichnungen*, die sich eingebürgert haben oder die aus der Vergangenheit  den Zeitsprung in das Jetzt geschlichen sind.
Zwar habe ich nichts dagegen Menschen, die das Sozialsystem ausnutzen, als Sozialschmarotzer zu bezeichnen – NEIN! Ich meine damit nicht die Menschen, die ZURECHT das Sozialsystem nutzen, ich gehöre ja auch zu dieser Gruppe!  Auch egal aus welchem Land sie kommen! – aber diese Menschen als Parasiten zu bezeichnen käme mir nie in den Sinn. Warum? Weil Menschen WEDER Ungeziefer noch PARASITEN sind. Das ist Sprachgebrauch der alten und neuen Rechten. Menschen sind Menschen, auch wenn sie sich fehl verhalten! Es war ein Stilmittel der Nationalsozialisten: In dem man einen Teil der Bevölkerung entmenschlichte (Ungeziefer!), um ihre Vernichtung zu verharmlosen.
Wenn man sagt: Dieses Ungeziefer muss man ausmerzen so klingt das bei weitem nicht so drastisch wie: Diese Bevölkerungsgruppe muss man ausmerzen und es klingt es zweifellos nicht so unmissverständlich wie der Eingangssatz.
Ich liebe meine Muttersprache. Es hat lange gedauert bis ich sie als das erkannte was sie ist: Schön. Nicht einfach, oft verbessert, manchmal verkompliziert, erobert. Sie hat sich an anderen Sprachen bereichert, gab auch manches ab, fast keiner gebraucht sie richtig, oft wird sie geschmäht oder gar beschimpft. Und dabei ist sie so reich – aber wir lassen sie verhungern. Nutzen sie nur rudimentär und verstümmeln sie auch noch.
Selbst ich als Legastheniker  habe ihre Schönheit erkannt. Zwar habe ich meine Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung und *Word* kann mir da nur zu 60% helfen, ABER ich kann ihre Vokabeln nutzen. Viele davon.

Sprache ist auch immer ein Zeichen für den Zustand einer Gesellschaft. Geht es einer Gesellschaft gut, dann steigt das Bildungsniveau und sinkt, wenn es der Gesellschaft schlechter geht. Genau dies geschieht im Moment auch hier bei uns in der BRD. Man kann immer öfter an der Sprache der Menschen erkennen welcher *Schicht* sie angehören. Das Klassesystem schleicht sich durch die Hintertür wieder in unsere Gesellschaft – hast du was, wirst‘e was, hast‘e nichts, wirst’e nichts.
Kein Geld, keine Bildung, keine gute Sprache. Nicht immer, aber immer öfter.
Als ich noch als Dekorateurin arbeitete begegneten mir immer mehr Menschen, die weder die richtige Farbe benennen konnten (Haben sie das auch in hell lila? Gemeint war flieder)  oder aber auch erst gar nicht das Kleidungsstück benennen konnten. Ein Highlight war ein junger Mann, der vor mir stand und mich nach Pullovern fragte, und dabei aber mit den Händen eindeutig das Zeichen für einen Reißverschluss zeigte. Ach einigen Fragen kam dann heraus, dass er eine Sweatshirtjacke mit Zipper sucht…..

Mir tut sie leid, meine Muttersprache. Zur Zeit wird sie militarisiert. Auch ein Anzeichen wie es gerade um uns steht.
Dabei sagt man ihr nach, sie sei die. Sprache der Dichter und Denker

1 Kommentar:

  1. Ein sehr schöner Artikel. Ich möchte Dir zustimmen, Deutsch ist schwer, aber sehr schön. Vielleicht verkommt diese Sprache mittlerweile, weil zu wenige dichten und noch weniger (nach)denken. Das ist aber pure Spekulation. ;-)

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