Sonntag, 23. November 2014

Seltsame Zeiten - Sonntagsgedanken 47/2014

An manchen Tagen ertrage ich das Netz nicht mehr. Und es ergeht nicht nur mir so. Selbst bei den sogenannten Mainstreammedien ist das Thema angekommen:
Hass im Internet.
Aber nicht nur das. Durch die Globalisierung des Nachrichtenwesens stehen uns jeden Tag Elend und Leid im Wohnzimmer, Katastrophen und Kriege, Gräueltaten und mehr.
An manchen Tagen ertrage ich es nicht mehr.
Das Leid, die Missgunst mancher Menschen auf andere, die etwas Hilfe suchen und bekommen.
Den Hass auf alles was anders ist, die Angst vor dem Fremden.

Als ich anfing zu bloggen hatte ich ziemlich viel Nonsens im Kopf. Den habe ich zwar immer noch, aber oft wird er ins Eck gedrängt und kümmert da leise vor sich hin.
Einige meiner Netzfreunde sind schon an den Punkt gelangt: Raus aus dem Netz.
Erinnert ein wenig an: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.
Die meisten machen einfach nur Pause, oder nehmen Tempo raus. Ich kann es so gut verstehen.
Das wir in Deutschland keine Streitkultur haben merkt man schon daran was in – auch in seriösen – Talkshows abgeht. Da wird beleidigt was das Zeug hält. Und das gerne auch von Politikern. Es wird unterstellt, behauptet (ohne Angaben von Quellen), diffamiert. Und bleibt die Gegenseite  beherrscht und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, dann wühlt man im Privaten und versucht so den anderen bloß zu stellen. Und manchmal machen einige der Medien mit.
So haben zwei namhafte (nun ja, wie man es nimmt) die Adresse eines Gewerkschaft Chefs veröffentlicht. Seine Büronummer wurde veröffentlicht mit der Aufforderung ihm die Meinung zu sagen.
Im Mittelalter zündet man Fackeln an und zog des Nächtens vor das Haus des Betroffenen.
Heute wütend der Mob im Netz.

Es macht müde mit so viel Hass, Neid, Missgunst, Misstrauen konfrontiert zu werden.
Und es entsetzt mich, dass ich bei Facebook-Bekannten auf offenen Rassismus und Vorurteilen treffe.
Diskutieren oder gehen? Den anderen das Feld überlassen?
Es kostet manchmal mehr Kraft als ich habe mich dagegen zu stellen. Ruhig zu bleiben und sachlich zu argumentieren. Manchmal schaffe ich es nicht mehr.
Wenn einem zum x-ten Mal das Wort im Mund verdreht wird, wenn die Antwort kommt, man könne sagen was man wolle – man würde nichts an der eigenen Meinung ändern.
Wenn man sich auf das Grundgesetz beruft (alle Menschen sind gleich, Religionsfreiheit) wird einem vorgeworfen man sei FÜR die Salafisten, die Terroristen, man sei ANTI-deutsch. (Was immer das sein soll…).
Die Saat geht auf. Die Saat die im Umfeld der AfD, der sogenannten friedensbewegten Elsässer, Jebsen und co, gepflanzt wurde erweist sich als ziemlich zäh.
Vorbehalte und Ausgrenzung, sogar Gewalt wuchern.
Und immer sind die anderen schuld.
Ja die anderen.
Die nicht wie wir sind.


Sie vergessen: Auch wir sind die Anderen. Fast immer und überall.

Kommentare:

  1. Und es bleibt die Frage, die von den Hassern und Eiferern nie gestellt wird: wie sind "wir" denn? Ich habe keine Antwort darauf denn selbst die Menschen, mit denen ich am engsten verbunden bin, sind nicht wie ich. Sie haben einen anderen Geschmack, Meinungen, die von meiner Meinung abweichen, andere Vorlieben etc. In manchen Fällen haben wir dieselbe Nationalität oder dasselbe Geschlecht - aber macht uns das "gleich"? Ich denke nicht.

    Die einzige Gleichheit, die ich befürworte, ist die Gleichheit vor dem Gesetz. Und wie damit verfahren wird, wissen wir ja alle nur zu gut. Auch so ein Grund dafür, dass auch ich das Netz an manchen Tagen nicht mehr ertragen kann und will.

    Also beginnt die schwierige Suche nach dem Mittelweg: wie schaffe ich es, mich nicht von der Flut an schlimmen und furchtbaren Nachrichten völlig fertig machen zu lassen, ohne in die Haltung "nichts sehen, nichts hören, nichts sagen" zu verfallen?

    Außerdem: wenn ich das Netz ganz meide, entgehen mir auch interessante Bloggereien wie Deine :-)

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  2. Hallo Ingrid,
    erstmal Danke für das Kompliment und zum zweiten: ja, den Mittelweg finden. Und wenn ich schon höre: unsere Kultur... Sie ist aus den ganz Einflüssen um uns herum entstanden
    LG
    Marianne

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  3. Unsere Kultur ... ich liebe italienische Oper, esse fürs Leben gern indisch und thailändisch - zu schweigen von türkischen Vorspeisen! - lese mit Vorliebe Romane von angelsächsischen AutorInnen, skandinavische Krimis und deutsche Lyrik und die meisten meiner Lieblingsfilme stammen von französischen Regisseuren. Und ohne religiös zu sein, wurde ich vom Christentum und speziell vom Katholizismus geprägt.

    Auch nicht zu vergessen: ich bin in einer Welt des Wohlstands und des Friedens aufgewachsen, was ganz sicher mein Denken und Handeln nachhaltig geprägt hat.

    Genau wie Du schreibst, Marianne: "meine" Kultur setzt sich aus den Einflüssen zusammen, denen ich im Laufe meines Lebens ausgesetzt war. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass das nicht nur Einflüsse einer einzigen Nationalität waren.

    LG
    Ingrid

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