Dienstag, 30. Dezember 2014

Abschied

Januar:
Der nette Herr der Rentenversicherung, mein Berater, analysiert mit mir die Ergebnisse des Assessmentcenters. Klar ist: ich bekomme eine Ausbildung finanziert, und die Ergebnisse sind so gut, dass ich mir den Ausbildungsbereich aussuchen kann:
CTA, Produktdesign, Steuerfach, Büro, IT- Systemtechniker, Elektroniker …
Die rein logische Entscheidung: Steuer.
Sorgt für etwas Aufregung im Freundeskreis.
Meine Noch-Filialleiterin meldet sich schriftlich bei mir und *bittet* mich zum Gespräch. Sie stellt ein Ultimatum. Beides müsste ich nicht beachten. Ich bin arbeitsunfähig, die Rechtslage ist hier recht klar. Aber ich will keinen Streit und schreibe einen netten Brief, in dem ich einige Dinge klarstelle.
Was mich ärgert: Es ist die erste persönliche Post meines Arbeitgebers nach über 12 Monaten.
Weder habe ich Krank gefeiert, noch habe ich es mir raus gesucht, dass sich zwei Bandscheiben komplett verabschiedet haben und auch, dass sich das rechte Knie… nun ja.
Die Worte des Reha Arztes klingen mir noch im Ohr: Wollen Sie eigentlich im Rollstuhl landen?
Nein möchte ich nicht:


Februar:
Nichts Besonderes. Pläne schmieden. Ich muss mir etwas für die Kater einfallen lassen, da der Ausbildungsgang nur im Schwarzwald stattfindet. Also WG.
Die Ausbildung startet ab Juli.
Ich werde wohl eine WG gründen. Gehe meinem Vermieter um den Bart, setze Anzeigen. Warte.
Und ich mache den OP Termin für das Entfernen der Platte im Bein fest. Anfang Mai kommt das verhasste Ding raus. Endlich.




März:
Risse in manchen Freundschaften tun sich auf. Unverständnis kommt auf, weil ich mich mit Ende 40 nochmal in eine Ausbildung stürze und dann auch noch im Schwarzwald! Steuer!
Statt es zu akzeptieren und mich zu unterstützen werde ich angegiftet. Ich ziehe mich zurück. Es tut 
weh.




April:
Die Zusage des Berufsförderungswerkes im Schwarzwald. Ich kann es irgendwie gar nicht fassen. Parallel dazu der Brief der Krankenkasse, dass das Krankengeld ausläuft. Ich mache einen Termin beim Arbeitssamt aus: Mai/Juni werde ich wohl von der *Stütze* leben müssen.
Den Termin habe ich gleich, auch problemlos die Abwicklung. Da es nur zur Überbrückung ist bekomme ich das Arbeitslosengeld sofort genehmigt.
Noch bin ich nicht gekündigt.
Habe jetzt auch das Go zu kündigen, ohne eine Sperrung befürchten zu müssen.
Die Kündigung ist schnell geschrieben.
Nach 23 Jahren verlasse ich das Unternehmen. Und bekomme sehr schnell Antwort. Unpersönlich. Ich glaube beide Seiten sind erleichtert. Aber enttäuscht bin ich schon. Manchmal ist es besser, wenn sich die Wege trennen.
Wahlkampf: Wir Stadtisten werden zum ersten Mal zur Wahl antreten. Also Plakate hängen, etc. Ich stehe auch auf der Liste. Eine aufregende du aufreibende Zeit, die Spaß und Ärger bringt. Und wieder Verluste im *Freundeskreis.* Ich definiere das Wort Freundschaft für mich neu.


Mai.
Meinen Geburtstag verbringe ich alleine. Und genieße es. Zwei Tage danach die letzte OP von vielen. Meine Krücken habe ich dabei. Ich habe das erste Mal Bammel vor einer OP. Es waren einfach zu viele seit November 2012. Insgesamt sind es, mit dieser letzten, 5 Stück. Ich will nicht mehr.
Zwei Tage danach darf ich davon humpeln. Es fühlt sich das erste Mal seit einem Jahr normal an. Innerlich frohlocke, tanze und singe ich.
Und die Stadtisten haben es geschafft. Wir haben tatsächlich einen von uns in den Gemeinderat *reinbekommen.*- Die Anwürfe werden heftiger – gegen die Stadtisten. Viele verstehen unser Anliegen einfach nicht.


Juni:
Urlaub. Ja Urlaub. Auf *Staatskosten.* Ich bin nicht mehr krankgeschrieben. Ich bin ganz offiziell arbeitslos. Fühlt sich seltsam an. Aber auch gut.
Der Riss in mancher Freundschaft scheint nicht mehr zu kitten zu sein. So schmerzhaft es ist – ich kann es gut akzeptieren. Scheint das Jahr der Abschiede zu werden.
Erfreulich ist: Tatsächlich habe ich eine perfekte Mitbewohnerin gefunden. Die Kater lieben sie jetzt schon. Aber sie kann erst ab Oktober einziehen. Es müssen drei Monate überbrückt werden.
Und hier kommt das festteste Dankeschön ever: Markus, ohne dich wäre ich verloren gewesen. Danke, Danke, Danke. Er hat drei Monate lang meine Tiger gefüttert, bespasst und geschmust, während ich im Schwarzwald sie Schulbank gedrückt habe.


Juli:
Das Abenteuer beginnt. Zusammen mit 27 anderen fange ich meine Ausbildung an, beziehe ein Internatszimmer, finde eine Mitfahrgelegenheit. Erst Tage später realisieren wir, dass wir tatsächlich in der gleichen Ausbildungsgruppe sind.
Bald gibt es die Redewendung: “Was im Auto gesprochen wird bleibt im Auto.“ Wir sind so verschieden wie Tag du Nacht und Freunden uns trotzdem an.
Ende des Monats haben wir schon wieder Urlaub. Drei Wochen.


August: Na super, von drei Wochen frei liege ich zwei Wochen flach. Leider nicht das letzte Mal. Der Schwarzwald zeigt sich von seiner ekeligsten Wetterseite. Es regnet, wir sind so hoch, dass wir in den Wolken *wohnen*. Die Eingewöhnungs-, Umgewöhnungsphase ist für alle hart. ES kommt zu ersten heftigen Spannungen.




September: Die ersten Klausuren. Ein schöner Frühherbstmonat. Mich zieht es in den Wald. Ich fange an mich in den Schwarzwald zu verlieben. Schömberg wird meine zweite Heimat und ich überdenke mein Stadtleben.


Oktober: Das Jahr rennt nur so an uns vorbei. Die ersten Klausuren sind geschrieben. Unsere Klasse ist geschrumpft. Noch gibt es Spannungen, aber es wird besser. Wir gewöhnen uns aneinander.
Und wir lernen mit dem Lernpensum umzugehen. Es fließen manche Tränen. Und wir fangen an uns gegenseitig zu stützen.
Meine Mitbewohnerin zieht ein. Markus kann endlich durchschnaufen. Die Kater sind frisch verliebt und ich eifersüchtig. Ende des Monats habe ich schon wieder Ferien.  Eine Woche. Dringend nötig.
Anfang des Monats war ich schwer erkältet und ich brauche die Ruhe dringend.


November:
Ein ruhiger Monat mit vielen Klausuren. Grau. Es wird früh dunkel. Mein Körper stellt sich auf den Wintermodus um.



Dezember.
Huch, wo ist das Jahr hin. Ich trage eine Gipsschiene. Habe ich es doch wieder geschafft mir etwas zu brechen. Diesmal zur Abwechslung mal das rechte Handgelenk. Allerdings nur angebrochen. Ich schreibe trotzdem die Klausuren mit.
Lena ist zu Besuch bei ihrer Mutter und wird krank. Markus springt wieder einmal für die Kater ein.
Also kann ich ganz beruhigt nach Schömberg fahren.
Nach der letzten *Leistungsüberprüfung* habe ich einen Notenschnitt von 1.54. Ich bin ein kleines bisschen stolz, dass ich alte Kuh so gut mitkomme.
Weihnachten kommt und ich verbringe die Tage mit meinen Katern. Es sind ruhige Tage der stillen Einkehr, der Ruhe und des Glücks.
Am letzten Weihnachtstag fängt es an zu schneien. Ich bin im Glück. Schlafe viel. Treffe liebe Menschen und genieße das allein sein der restlichen Zeit.
Ich bin bei mir angekommen. 



Es war kein leichtes Jahr, aber es war ein gutes Jahr. Es war ein Jahr des Abschieds. Und ein Jahr des Neubeginns.
ES ist das erste Jahr seit langen dem ich sagen kann: ich lasse dich nicht gerne gehen. Aber was muss das muss. Und wenn es Zeit ist zu gehen, dann ist es eben Zeit.

Kommentare:

  1. toll geschrieben. riesen entwicklung ist das. alles gute für dich in 2015, körperlich wie auch mental! :)

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  2. Ein aufregendes Jahr! Aber ich glaube nicht, dass sich die Freundschaften nur wegen deiner Ausbildung verabschiedet haben. Wahrscheinlich wurdest du diesen Personen in ihrer Wahrnehmung fremd oder so. Und noch wahrscheinlicher ist es, dass du diese Begleiter nicht mehr brauchst.
    Als ich Ende 50 einen Motorradführerschein gemacht habe, hatte ich ähnliche Reaktionen. Es war fast so, als würde sich das gar nicht mehr lohnen, weil ich schon am Sterben sei.
    Ich würde auch noch Ende 60 eine neue Ausbildung anfangen, wenn es sich denn ergebe.
    Einen guten Rutsch wünsche ich dir noch!
    LG
    Sabienes

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  3. Was für ein schöner und gleichzeitig irgendwie trauriger Rückblick. Viel Kraft für deine Gesundheit und wow der Notendurchschnitt ist ja genial ;-) Kannst stolz sein.
    Viel Glück, Gesundheit und Liebe für das Jahr 2015!
    Liebe Grüße

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  4. 1,54? Ich bin schwer beeindruckt. Ich wünsche dir ein großartiges Jahr 2015 voll spannender Erlebnisse und spannender Begegnungen (und dass man sich in den Schwarzwald verlieben kann, verstehe ich absolut. :-) )

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  5. Danke meine Lieben, ich antworte mal euch allen auf einmal und wünsche euch das Beste für das kommende Jahr :)

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