Donnerstag, 1. Januar 2015

Prosit Neujahr

Ich liebe Feuerwerk-
Am liebsten mit klassischer Musik und organisiert. Dann zahle ich auch gerne.

Gestern Nacht aber brach vor meinem Fenster die Hölle aus. Mein roter Kater Soleil, schlich mit durchgebogenen Rücken durch die Wohnung, die Augen weit aufgerissen, die Ohren gespitzt. Ich pflückte ihn vom Boden, packte ihn in eine Kuscheldecke und summte beruhigend. Wie sehr er mir vertraut! Er entspannte sich zusehend und kuschelte sich an mich. Sein Bruder Grey nahm es gelassen.
Sehr bewusst blieb ich bei diesem Jahreswechsel zu Hause, schlug Einladungen dankend aus, überlegte aber nach Mitternacht noch in die Imme, die coole Kneipe ums Eck zu gehen und dort mit Freunden das neue Jahr zu feiern.
Das Getöse vor dem Fenster schien kein  Ende zu nehmen. Ich sah kein Feuerwerk. Ich hörte aber:
Schüsse, Granateneinschläge, Gewehrsalven und ab und zu detonierte eine Bombe.
Die Feierlaune war mit einem Schlag weg. Sie war eh nicht sehr ausgeprägt dieses Jahr. Aber jetzt war sie ganz weg.
Zu sehr musste ich an die Tiere denken, die nicht wussten wie ihnen geschieht- aber das war nur der Anfang. Die Geräuschkulisse erinnert mich an Krieg. An Krieg? Ich habe nie einen Krieg erlebt. Ich genieße die Gnade des Geburtsstandorts Deutschland. Ich genieße die Gnade der späten Geburt. Ich lebe in ziemlicher Sicherheit, für mein Leben, im sozialen Netz.
Bilder von Kriegsschauplätzen geistern mir durch den Kopf. Großäugige Kinder in Ruinen.
Es fällt mir schon länger auf, dass wieder das Heldentum im Krieg in den Kinos Einzug gehalten haben. Jetzt kommt ein neuer Film mit Brat Pitt in die Kinos. Helden, Blut und Ehre. Heldentum.
Blut und Ehre. Todesmutig.
Heldentum?
Wo ist das Heldentum, wenn ein halb zerfetzter Soldat nach seiner Mutter schreit?

Eine Freundin fällt mir ein, die von den Neujahrsnächten erzählt – die sie in der Notaufnahme der Ambulanz eines Krankenhauses verbracht hatte. Mancher konnte nach der Nacht nur noch bis 5 an den Fingern abzählen.
Mir selbst wurde das rechte Trommelfell zerrissen, weil ein Kumpel meinte mit einer selbst gebastelten Abschussvorrichtung einen Donnerschlag neben meine Kopf zünden zu müssen. Ich war 18, hatte drei Tage Tinitus und einen Hörverlust von 40% auf diesem Ohr.
Danke auch.

Auf der Straße vor meinem Fenster klingen nur noch einzelne Schüsse. Dann Lachen im Treppenhaus. Keine zwei Minuten später schwere Bässe, die aus dem vierten Stock zu mir heruntersteigen.
Soleil liegt entspannt neben mir, sein Köpfchen liegt auf meinem Bein, aber er zittert noch. Wenn ich mit ihm spreche hebt er den Kopf und sieht mir in die Augen, er haart als würde es Frühling werden.
Sein Bruder Grey gesellt sich zu uns und schmust mich an.
Eine Detonation zerreißt die Nacht vor dem Haus in 1000 Stücke. Mir werden nadelspitze Krallen in den Speck gejagt, aber ich halt den Krallenbesitzer sanft fest.
Ich bleibe zuhause. Meine Freunde kann ich auch noch die kommende Woche küssen. Ich kuschle mich mit den Katzen in die Decken, Soleil liegt unter der Decke an den Bauch geschmiegt, Grey in der Armbeuge und versucht sich unter mein Kinn zu drücken. Wir verschlafen den Rest der Nacht.
Heute ist nichts anders. Ein eher grauer Morgen. Ausgeschlafen und entspannt bin ich, es ist jetzt kurz vor neun,
am 01.01.2015.
Happy New Year.

Ich wünsche mir Frieden.

1 Kommentar:

  1. Ich bin immer wieder froh, das man in unserer Wohnung kaum was hört... gut isoliert halt. So ist es für unsere Kater und die Katze relativ entspannt. Hein flüchtet sich eh immer unter's Bett, wenn er Angst hat, da können wir dann leider auch nicht viel trösten. Aber wir haben die Monster guten Gewissens alleine gelassen und einer Freundin mit 3 Hunden, 4 Pferden, Schafen, Hühnern und Gänsen geholfen, vor allem die Pferde zu beruhigen. Es war ein schöner, ruhiger Abend unter Freunden. In der Nähe unserer Wohnung hat ein Dachstuhl gebrannt.... so schön das Feuerwerk am Hamburger Hafen auch immer ist, ich muß mir das nicht mehr geben.
    Meine Zeit hier ist auch bald rum. Dienstag komme ich wieder nach Stuttgart, wo ich die erste Hälfte des Jahres noch überwiegend verbringen werde, bevor es für mich dann wohl weiter nach Leipzig geht. Ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr.

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