Sonntag, 8. Februar 2015

Stolpersteine - Sonntagsgedanken 7/2015


Als ich das erste Mal eines dieser Messingschilder am Boden gesehen habe, beugte ich mich hinunter, von Neugier getrieben, und es dämmerte mir, dass es mehr als nur ein Namensschild war. Nachdenklich ging ich meiner Wege und ab dem Tag bemerkte ich immer mehr von diesen, *Stolpersteine* genannten, Namenschilder, beugte mich nach vorne, verbeugte mich praktisch, las die Namen, manchmal ein ganzer Familienverband, manchmal ganz *normale* deutsche Namen, die Daten endete alle vor 1945. Alle Namen gehörten Stuttgartern. Nachbarn, Eltern, Kindern, Freunden.
Verscheucht, verschleppt, getötet, weil sie einen bestimmten Glaube hatten.


Es sind Mahnmale. Und wenn ich heute durch meine Stadt laufe, so sehe ich viele, viel zu viele, dieser Messingschilder. Und jedes einzeln erinnert mich an einen mir unbekannten Menschen.
Nein, ich fühle mich nicht schuldig an den Dingen die damals geschahen. An den Morden, an dem Wegsehen. Ich bin nicht verantwortlich für das Grauen, das zugelassen wurde. Mich trifft die Gnade der späten Geburt. 20 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges erblickte ich das Licht der Welt-
Wie gesagt: ich trage weder die Verantwortung noch die Schuld an dem Vergangenen, aber ich trage heute MITVERANTWORTUNG, dass so etwas nicht mehr geschieht.
Und während ich stolz auf meinen Großvater väterlicherseits bin, der den Nazis die Stirn bot (er war ein sturer Bock und ein Sozialist), sich auch nicht beugte als ihn die Gestapo mehrmals abholte, so schäme ich mich ein Stück weit für meine Mutter, die sich nie dem Geschehenen stellte und mir vom BDM (Bund deutscher Mädchen) vorschwärmte und mir das Horst Wesel Lied vorsang. Bei der Strophe „wenn das Judenblut vom Messer spritzt“ schrie ich sie an, konnte es nicht glauben, dass diese Frau, die ich liebte, so gefühlskalt anderen Menschen gegenüber sein konnte. Es wurden ja auch Kinder vertrieben, verfrachtet, deportiert, ermordert.


In Stuttgart Süd hat ein älteres Ehepaar gegen die Stolpersteine auf dem Gehweg vor ihrer Wohnung geklagt – sie würden eine Gefahr darstellen. Das Ehepaar verlor und zog in die zweite Instanz. Was daraus wurde weiß ich bis heute nicht.

Ich nehme mir die Zeit die Schilder zu lesen. Ich erinnere mich an fremde Menschen und trauere um sie, unbekannterweise, denn man stirbt erst, wenn sich niemand mehr an erinnert. Selbst wenn ich an den Schildern nur vorbeieile, so sind sie mir immer bewusst und ein Gedanke verweilt bei den Schicksalen.

Ich werde wütend und traurig, wenn sich Stimmen erheben, die sa sagen: Es muss einmal gut sein. Dann frage ich mich: Ja was denn? Ja wieso denn? Jetzt wo HoGeSa und Pegida aufmarschieren?



Nein, ich weiß nicht, wer in Stuttgart sich um die Stolpersteine kümmert. Aber ich bin dankbar, dass jemand diese Idee hatte und sie umsetzte.
Danke.



Kommentare:

  1. Hier in Hamburg liegen auch viele, vor allem in dem Stadtteil, wo meine Mutter wohnt. Zu den einzelnen Stadtteilen gibt es jeweils Begleitbücher mit den Biographien der Ermordeten und Verschleppten. Meine Mutter hat ehrenamtlich an einem mitgearbeitet und das war viel Arbeit, in alten Dokumenten zu wühlen, vieles ist auch leider einfach nicht mehr vorhanden. Meine Großmutter war auch im Widerstand, meinen Großvater haben sie dann doch noch gekrallt und nach Russland geschickt. Nein, auch ich bin nicht verantwortlich, aber ich bin mit dafür verantwortlich, das so etwas nie wieder passiert und das wir nie vergessen.
    Es gibt hier immer wieder Initiativen, die dafür sorgen, das die Steine ab und zu geputzt werden. Vor zwei Jahren haben wir uns bei uns im Stadtteil auch mal daran beteiligt, die Namen wieder lesbar zu machen. Es werden auch immer noch neue verlegt und ich finde diese Idee von Gunter Demning, dem "Erfinder" der Stolpersteine immer noch gut.

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  2. Der Erste Stein wurde in Köln gelegt. Mittlerweile sind es über 50.000
    Damit ist es das Weltweit größte Mahnmal.
    Bedenkt man das es über 6.000.000 Opfer gab ist es trotzdem noch eine sehr kleine Zahl und man bekommt langsam ein Gefühl dafür was die unvorstellbare Zahl 6 Mio. bedeutet...

    siehe zb. http://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine

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  3. Bei uns in der örtlichen Tageszeitung gab es vor einiger Zeit einen empörten Leserbrief über diese hässlichen Steine ....
    LG
    Sabienes

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