Sonntag, 24. Mai 2015

Die Unkultur des Streitens - Sonntagsgedanken 21/2015

Warum Unkultur? Weil es in Deutschland keine Kultur des Streitens gibt, bzw. der Diskussion.
Eine Diskussion ist das Austauschen von Argumenten, auch von Meinungen, manchmal überzeugt der eine den anderen, manchmal überzeugt keiner den anderen, dann ist es ebenso.
Ausgetauscht sollten Argumente werden.
Hart zur Sache weich zum Menschen nannte man das bei meinen letzten Arbeitgeber. Schöner Ansatz, der leider von den Menschen auch sehr unterschiedlich ausgelegt werden kann.
Was aber auch wieder ein anderes Thema ist.

Eine Diskussion kann ruppig sein, es tut ihr keinen Abbruch, ich liebe es Augstein und Blome beim Streiten zuzuhören und beömel mich manchmal dabei. Es ist ein ausgewogenes Verhältnis und bewegt sich innerhalb eines festgesetzten Rahmens.
Die zwei sind wie Kampfhähne, aber sie spielen auf dem gleichen Level.
Andres sieht es aus, wenn der Gegner in irgendeiner Form verunglimpft wird. Stuttgart ist ein Paradebeispiel mit seiner S21 Historie. Was da an Gülle über den Andersdenkenden ausgeschüttet wurde sucht seinesgleichen. Selbst – in der zwischenzeitlich gerichtlich bestätigten - Übergriffen einiger Ordnungshüter wurden gutgeheißen, wenn es gegen den Andersdenkenden ging.
Da wird der Gegenseite Intelligenz, Wissen, Kompetenz abgesprochen, die jeweiligen Gutachter sind gekauft und ach, es wird eh immer gemauschelt, man spricht von *versifft*, *verseucht*, *ungewaschen* und *altersdement*. 

Manchmal habe ich das Gefühl, es geht nur noch darum, die eigene Meinung, Haltung mit aller Gewalt allen aufzuzwingen, und wenn man dann einmal ausspurt, nicht den Leitlinien der selbstgewählten Gruppierung folgt, wird man mit Dreck beworfen. Das kenne ich als Mitglied der Stadtisten zu gut – da ist man dann enttäuscht, hat es nicht anders erwartet usw. usf. und bekommt *Unfähigkeit*, *Unwillen* und sonstiges Unterstellt - man ist gar nicht bereit, es überhaupt zu versuchen die Haltung des anderen zu verstehen.  Nicht innerhalb der Stadtisten, aber gerne von *politisch nahestehenden* Gruppierungen, die sehr gereizt reagieren, wenn man mal nicht ihre Meinung teilt. Was wir da teiweise schon zu hören bekamen - erinnerte mich manchmal an Sandkasten Streiterein.
Am Anfang traf mich so etwas, in der Zwischenzeit ist mein Fell dicht und Häme abweisend.

Eine weitere Unart in Diskussionen ist die *Verniedlichung* des anderen. Der *kleine* soundso möchte mal wieder aufmucken, oder das *Mariannchen*. Man verniedlicht den anderen und entzieht ihm somit jede Berechtigung mit den Erwachsenen zu spielen bzw. spricht ihm die Kompetenz ab. Bei Frauen kommt noch die Versächlichung und Sexualisierung hinzu – allerdings machen das Männer untereinander auch: *Sie haben ja keine Eier!*, im amerikanischen braucht man auch Big Balls, usw. usf. Und Frauen sind *untervö*** oder werden aufgrund ihres Aussehens runtergemacht. Zu männlich, zu weiblich, zu hübsch, zu altmodisch... ect.
Merkel wird sehr gerne in diesem Zusammenhang abgewertet, die FDP Frauen an der politischen Front auch. 
All das beruht auf der einen Fehlhaltung: Fehlender Respekt. Einer fängt an, und alle kloppen lustig mit, statt vielleicht die Fassung zu wahren. Seit ich das erkannt habe versuche ich es anders zu machen. Auch wenn es schwer fällt und mir bei weitem nicht immer gelingt.
Auch wenn mir die Auffassung und das Auftreten des anderen nicht passt, egal wie sehr er mich zu beleidigen versucht:
Sachlich und freundlich bleiben, aber auch bestimmt und wenn der andere in einer Tour sein Touret Syndrom ausleben möchte, ihm die Bühne überlassen-
Wie sagt eine Freundin immer: Jedem die Möglichkeit geben sich selbst der Lächerlich preis zu geben.

Nachtrag: Schweigen ist nicht immer Zustimmung. Und ich mag die Meinung des anderen nicht teilen, sie sogar abartig und menschenfeindlich finden, aber solange sie sich innerhalb des Gesetzesrahmens der BRD bewegt habe ich nicht das Recht sei Schweigen zu verlangen.
Ich muss nicht zuhören, ich kann mich dagegen wehren, ich kann demonstrieren oder an einer Gegendemonstration teilnehmen. Aber in dem Moment, in dem ich mich auch nicht mehr an die Spielregeln handle setze ich mich selbst ins Unrecht.

Hehre Worte und Werte. Ich versuche sie zu leben, es gelingt mir bei weitem nicht immer, aber immer öfter. Das  Seltsame: es fühlt sich sogar gut an.

Kommentare:

  1. "Ich muss nicht zuhören, ich kann mich dagegen wehren, ich kann demonstrieren oder an einer Gegendemonstration teilnehmen. Aber in dem Moment, in dem ich mich auch nicht mehr an die Spielregeln handle setze ich mich selbst ins Unrecht."

    Wohl gesprochen.

    Simone Dorra

    AntwortenLöschen
  2. Auch wenn ich mich mit dieser Aussage in manchen Gruppierungen unbeliebt mache und ich bei manchen Auftritten von Rechten fast nicht an mich halten kann - manchmal denke ich: denen einfach Schweigend entgegentreten wäre die eindruckvollste Demonstration. Aber das ist wohl ein Wunschtraum-

    AntwortenLöschen