Sonntag, 6. September 2015

Sonntagsgedanken - Umbruch - 37/2015

Immer wieder Sonntags… ausschlafen (soweit es mit zwei hungrigen Stubentigern, deren Essensuhr auf 5 Uhr morgens geeicht ist, möglich ist), frühstücken (Kaffee und meine Pillen, die ich täglich einwerfen mus – aber leider sind sie nicht rosa), in den Morgen bummeln und den Gedanken freien Lauf lassen. Das letztere mache ich eigentlich jeden Tag, nein, bis auf das in den Morgen hineinbummeln mache ich das Alles jeden Tag. 
Selbst das in den Morgen hineinbummeln gelingt mir unter der Woche – ich trabe zur U-Bahnstation und erwische mich dann immer dabei, wie ich manche meiner Mitfahrer mit Zombies vergleiche, so mürrisch, müde und scheintot sehen manche aus. Ich höre Musik, beobachte, durch die verdreckten Fenster, wie die Stadt und die umliegende Natur erwacht, stricke an der Babydecke für Lilly und Andreas und hänge meinen Gedanken nach.

Im Prinzip denke ich in Schreibform. Ich weiß nicht, wie ich es anders formulieren soll. Ich formuliere im Kopf meine Gedanken aus, als würde ich sie zu Papier, bzw. auf den Bildschirm und in den PC bringen wollen. Also wenn ich bewusst denke. Dieses Thema finde ich spannend. Wie denken andere? Wenn ich Musik höre, laufen in meinem Kopf Videos. Je nachdem, was es für Musik ist, sind es *Spielfilme*, *Naturbilder*, Farbenspiele*.
Und dann habe ich mein Social Network immer dabei. Während ich zuhause, bevor ich in den Tag starte und das Haus verlasse, checke ich noch die Nachrichten. Das MoMa von ARD/ZDF laufen die erste halbe Stunde. Ich will wissen, was gerade aktuell passiert. Und dann setze ich es in der Bahn fort.
Ud ich fotografiere unentwegt. Wenn mir gute Bilder gelingen poste ich sie über Instagramm, manchmal sind es so viele Bilder, dass ich sie direkt in ein Album auf Facebook setze. Manche Bilder überlasse ich den Stadtisten, deren Mitglied ich bin. Vom Österreichischen Platz in Stuttgart bis Vaihingen sind es vielleicht 17 Minuten, durch das wunderschöne Stuttgart Süd, dann das angestaubte, mürrische Kaltental, mit seinen versteckten und verschreckten Schönheiten. In Vaihingen mache ich einen Abstecher beim Kiosk, die haben die leckeren Laugenbrötchen des Rohrers Bäckers Bausch. Anschließend hechte ich über die Straße und entere mit einem fröhlichen *Guten Morgen!“ den 81er Bus nach Rohr. Ich freue mich jeden Morgen darauf die letzte Teilstrecke durch den Park zu laufen. Entenfutter im Gepäck, werde ich schon erwartet, von den Rallen, den schwarzen Enten, deren Gefieder je nach Licht violett oder moosgrün-metallisch glänzt, die normalen Enten schnattern auch schon, nur die Karpfen ruhen noch am Grund. Jeden zweiten Tag füttere ich sie und die kleinen, vorwitzigen Rallen sind immer die ersten, die mich erspähen und zu mir eilen. Ich muss nicht rufen. Nur still stehen bleiben und sie kommen. Die letzte Teilstrecke geht steil den Berg hoch und der Arbeitstag empfängt mich.

Vielleicht fragt ihr euch  warum ich das gerade schreibe. Das kann ich euch genau sagen. Ich bin manchmal überwältigt vom Glück dieser Normalität und flüchte mich auch in sie. Denn das Grauen flutet manchmal aus dem Display meines Smartphones, springt mich ohne Vorwarnung an, mit einem Bild, einem Video, einer Nachricht.
Auch so vergangene Woche, als das Bild des kleinen, ertrunkenen Jungen auf dem Display auftauchte und ich weinend in der U-Bahn saß. Mit ihm drängte sich all die Kinder in Syrien in meine Gedanken, die seit Jahren keine normale Kindheit haben, deren Leben und dass ihrer Eltern, aller Syierer, nur noch von einem bestimmt werden: Angst um das nackte Leben. Die all ihren verbliebenden Mut und das wenige was sie tragen können, zusammenraffen um sich auf einen ungewissen Weg zumachen an dessen Ende das verheißene Land steht: Germany.
Mein Heimatland ist zum Ziel, zum Zeichen der Hoffnung für ein Volk geworden. Millionen sind aufgebrochen und ziehen gegen Norden, aller Umstände und Widrigkeiten zum Trotz. Manche versuchen es über das Mittelmeer, andere über den Landweg. Sie sind Schleppern und gnadenlosen Politikern (wenn ich an Ungarn denke schäume ich vor Wut) ausgeliefert.
In Ungarn sind jetzt einige Tausende einfach zu Fuß weitermarschiert um nicht interniert zu werden. Das Bild von Menschen in Käfigen, wie in einem Tierheimen, geistern durchs Netz.
Das Grauen immer dabei. Live immer dabei per Smartphone – ich. Aufgerüttelt aus meiner morgendlichen Idylle.

Und doch gibt es Zeichen der Hoffnung: Österreicher tankten einfach ihre Autos voll, fuhren und fahren nach Ungarn und transportieren Menschen zurück nach Österreich, von wo diese Menschen zu uns kommen können. In München begrüßen Bürger die Ankommenden mit Beifall, etwas zu essen, Süßigkeiten und Kuscheltier für die Kinder.
In Stuttgart war die die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, als die Nebenräume der Schleyer-Halle umfunktioniert wurden, so groß, dass die Verantwortlichen bald nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf steht. Und das sind nur zwei Beispiele von vielen.

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Hier in Deutschland. Dieses Land erfährt gerade eine Revolution der anderen Art. Trotz vieler fremdenfeindlicher Übergriffe, terroristischer Brandanschläge auf Flüchtlingsheimen, Freital und Pegida – die *schweigende Masse* demonstriert auf eine andere Art: sie hilft. Spendet Geld, Sachen und Zeit. Man übersieht sie gerne, kann sie kaum hören, denn das Gebrüll der Freitaler Nazis, getarnt als besorgte Bürger, deren Hass und Neid so laut durch das Land hallt, übertönt so leicht das andere Deutschland.
Aber es werden mehr. Die meisten demonstrieren nicht auf der Straße. Sie gehen zu den Flüchtlingen, nehmen sich Zeit, lehren, trösten, lächeln, spielen mit den Kindern.

Es wird viel geschrieben über dieses Thema. Und ich bin kein Traumtänzer. Es gibt Probleme, es wird nicht einfach. Aber wir werden es schaffen. Wir müssen es schaffen. Wir müssen verhindern, dass  das Morden in Syrien und nicht nur dort, es den Menschen unmöglich macht dort zu bleiben. Und denen die geflohen sind müssen wir helfen. Und auch denen, die dies nicht konnten.
Denn sie sind wie wir: Menschen.

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