Sonntag, 15. November 2015

Sonntagsgedanken - Euer Hass ist keine Lösung

Ein ganz normales Wochenende. Ein ganz normaler Sonntag. Der Himmel trägt heute grau, einfach ein schmutziges, helles Grau. Ich bin müder als sonst. Mein Kater Soleil weckt mich zur Zeit alle drei Stunden. Aussperren mag ich ihn nicht. Er hat wohl seine Gründe.
ich habe gearbeitet, meine Einkäufe erledigt, es ist die letzte Woche vor der Rückkehr ins Internat.
Ein ganz normales Wochenende.

Nein. Als ich am Samstag, morgens,  wach wurde und gewohnheitsmäßig nach Neuigkeiten im Netz suchte war die Müdigkeit und die Wochenendfreude wie weggeblasen. Als ich heute aufwachte hoffte ich fast, alles sei nur ein Alptraum gewesen.
Auch hier nein.

Es ist wieder soweit. Paris wurde innerhalb eines Jahres das zweite Mal von einem Terroranschlag getroffen. Das zweite Mal haben fehlgeleitete Irre Leid über ihnen unbekannte Menschen gebracht, um ihre Macht zu beweisen und allen Andersdenkenden letztendlich eins klar zu machen:
Wir können euch treffen. Immer, überall und ihr könnt nichts gegen uns machen.
Sie sind barbarisch, mitleidlos, überzeugt.
Sie glauben das, was sie sagen.

Sie sind irre.
In mir streiten sich seit zwei Tagen Wut, Ohnmacht und Traurigkeit. Ich denke an die Hinterbliebenen und Verletzten. Fassungslos, wie nach jedem Anschlag. Ob 9/11, Madrid, London, Paris.
Fassungslos wie nach dem Anschlag in Oslo.
Es wird wohl jedem einzelnen von uns bewusst, dass wir jederzeit in so eine Situation kommen könnten.
Trotzdem bin ich unfähig Hass zu empfinden. Und ich bin froh darüber – denn Hass ist die Motivation der anderen.
Auch habe ich keine Idee einer Lösung. Ich weiß es einfach nicht. Zwar denke ich, dass es Ansätze gibt, aber es wurden in der Vergangenheit, auch, bzw. vor allem in den letzten Jahren, jede Menge schwerwiegende Fehler begangen.

Und jetzt?
Außer der Betroffenheit, der Ohnmacht?
Eines auf jeden Fall nicht: Hass. Oder, wie manche aus den rechten Kreisen, sofort wieder auf die Gesamtheit der Moslems und die Flüchtlinge mit den Finger zeigen und rufen: „Die da! Die da sind schuld! Weg mit ihnen!“ Viele der heutigen Flüchtlinge sind eben vor der Gewalt, dem Hass und der Barbarei des IS geflohen. Wollen wir diese Menschen dem sicheren Tod ausliefern? Zurück ins Mittelmeer treiben?
Dann hätte die IS ein Teilziel erreicht.

Jetzt erst recht! Freiheit war noch nie sicher und Überwachung wiegt uns in eine scheinbare Sicherheit.
Die Täter seien teilweise bekannt gewesen. Wirklich. Nun schön, dann kann man ihren Gräbern Namen geben, aber hat es etwas geändert? Hat es irgendetwas verhindert?
Habe ich Angst?
Eher nicht.
Als ich gestern durch meine Stadt fuhr, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, in einer Mall einkaufen ging und durch die Straßen lief, in denen der Wind Laub und Menschen umhertrieb, war nichts
von irgendeiner Angst zu spüren. Es war ein normaler Samstag. Die Leute gingen einkaufen, saßen in Cafés. Paris ist so nah und uns doch so fern. Im Moment.
Angst? Nein.
Wach? Ja.

Das wir Europäer ab und zu erleben müssen ist in anderen Ländern, Städten Alltag.
Wir haben es gesehen. Wir haben es zugelassen. Teilweise sogar forciert.
Es fällt nun auf uns zurück.

Ich denke an die Mutter, die sagte: „Ich schenkte meinem Sohn eine Konzertkarte, um ihm eine Freude zu machen. Stattdessen schickte ich ihn in den Tod.“
Keine Mutter dieser Welt sollte so denken.
Keine auf der ganzen Welt.
Keine.

Sonntag, 8. November 2015

Sonntagsgedanken - Frühling im November

November. 
Ich träume von kalten Morgennebeln, von grauen Tagen, Raureif in den Morgenstunden, der Gras und gefallene Blätter mit funkelnden Eiskristallen überzieht.
Oder einfach nur Tau. 
Tau wäre schon ausreichend. Schön wäre das.



Stattdessen laufen wir in T-Shirts in der Mittagssonne herum und der Himmel scheint nur noch eine Farbe zu kennen: azurblau.
Das was ich im Sommer schon nicht am Stück ertrage verfolgt mich jetzt bis in den Herbst: Trockenheit. Im Oktober gab es ein paar frische Tage, an denen ich morgens tief durchatmen konnte.
Wann habt ihr den euren letzten Schmetterling im November gesehen?
Meine beiden Kater haben schon ihr Winterfell. Ihr Pelz ist weich und dicht, sie liegen mittags am geöffneten Badezimmerfenster.
Ja, am geöffneten Fenster. Nicht nur 5 Minuten zum Lüften. Das Fenster steht den halben Tag offen. Mir hagelt es den Kreislauf zusammen. Andere genießen das frühlingshafte Wetter. Eher schon Frühsommer. Und wie ich meine Stuttgarter kenne – solange die Temperaturen über 0°C liegen wird gnadenlos der Frischluft gefrönt – Die Straßencafés sind voll mit Menschen, die fellbesetzte Parkas und Stiefel tragen und eisgekühlte Getränke und Eis konsumieren.
Was ich zu motzen habe, an diesem Wetter? Ich mag eben Jahreszeiten. Ich bin im Wintermodus. Irgendwie weiß mein Körper nicht was los ist.

Kokelores heisst auf Instagram Mianek65
Gestern sah ich einen Admiral, also einen Schmetterling. Am 7.11.2015. Farbenfroh saß er da, aber sein Flattern wirkte müde. Als wüsste er, dass seine Zeit schon längst gekommen sein müsste und nur die Wetterkapriole ihm ein paar weitere Tage schenkte.
Seine Vergänglichkeit, sein Leben, das schon vergangen sein sollte, stimmte mich melancholisch. Erinnerte mich sein baldiges Vergehen doch mich an das meine Zukünftige.


November,
Die Bäume lassen ihre Hüllen fallen,
werfen Blätter wie Konfetti,
nacktes Geäst steht mir Spalier,
raschelnd meine Schritte tönen…

Vielleicht verschieben sich auch nur die Jahreszeiten wieder einmal ein Stück. Wobei der Sommer auch mit Temperaturrekorde glänzte.
Ich wünsche mir Schnee. Viel Schnee. Als Daunendecke für die Natur zum Jahreswechsel.

Sonntag, 1. November 2015

Ansprache Sonntagsgedanken 47/2015e

 Eines Abends  auf FB, kam mir folgende Statusmeldung unter:
Julchen Blubb schrieb:

Mein Gott, wo kommt sie plötzlich überall aus den Löchern gequollen, diese Bosheit, Missgunst, Ignoranz, Selbstsucht, Frust, Unzufriedenheit, bis hin zur wirklich pathologischen Symptomatik,
.... der allgemeine Menschenhass!
Überall quillt diese pechartige, stinkende, kackbraune Soße hervor. Sie beschmutzt alles, klebt überall fest und zieht Fäden. Es stinkt und klebt und lässt sich kaum mehr lösen.
Jetzt verstehe ich, wie es 1933 zu diesem geschichtlichen Desaster kommen konnte.
Jetzt begreife ich, wie dieser Virus wütet, infiziert, um sich greift und zur Epidemie werden will.
Und ich sehe jetzt auch, wie Menschen von heute auf morgen nichts gewusst haben wollen.
Wie Menschen sich die Welt hindrehen, wie es günstig scheint, ohne jede Not.
Ich sehe jetzt, wie wenig weit man mit Vernunft kommt, wenn das Gegenüber dafür nicht zugänglich ist.
Ich sehe, dass Empathie nur selektiv Anwendung finden kann.
Ich sehe, wie die These "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf" zu Stande gekommen sein muss.
Ich sehe, wie es möglich wird, dass von jetzt auf gleich Krieg entstehen kann.
Ich fühle, wie unerfassbar wertvoll Frieden ist und wie zerbrechlich das Netz, an dem er hängt.
Ich ahne die Hintergründe zu Einsteins Zitat: Ich kenne zwei Dinge, die unendlich sind. Das eine ist das Universum, das andere die menschliche Dummheit - beim Universum bin ich mir aber nicht ganz sicher."


Ich fragte sie, ob ich ihre Statusmeldung als Gastbeitrag bei den Sonntagsgedanken veröffentlichen dürfe. Sie hatte nichts dagegen. Aber gegen ihre Gedanken haben manche Andersdenkende etwas. Sie bekommt Hassmails und schäbige Fotos. Die Sender verstecken sich hinter Pseudonymen.
Sie ist nicht die einzige.
Die Hasser und die Neider, die rechten Besserwisser schicken vielen von uns solche Mails. Manchmal gespickt mit diffamierenden Inhalten, sie sprechen uns Intelligenz und Wissen ab, wünsche oder drohen uns rohe Gewalt an, durch sich selbst oder ihren Freunden oder den, von uns supporteten, Refugees.
Sie zitieren die AfD, den dritten Weg.
Sie nennen uns linke Spinner, Terrorosten, behindert, und und und.
Sie machen uns müde.
Und trotzig.
Den Trotz sollte man nicht unterschätzen: er macht wach, hält wach.

Lasst euch nicht von den Hassern, den Neidern, den *die anderen sind Schuld* einwickeln, bleibt nicht an ihren klebrigen Tentakeln hängen.
Wir sind alle Menschen. Egal, wer uns geboren hat, wo wir gegoren wurden und welchem Stern wir folgen. Wir leben nun mal in der Bundesrepublik Deutschland. Unsere Farben sind schwarz-rot-gold. n unserem Grundgesetz stehen tolle Sachen.
Lasst nicht zu, dass sie - unsere Farben und unser Grundgesetz, von Menschenhassern benutzt, beschmutzt und verhöhnt werden.

Woher kommt dieser Hass? Ich glaube er wird aus der Paarung Neid und Angst geboren, die Angst hat ihre Wurzeln in Unwissenheit, dem Unwissen wird teilweise aus Borniertheit, Unfähigkeit oder Faulheit nicht entgegengewirkt.
Es gibt so etwas wie eine Holschuld.
Ich hole mir die Informationen. Es ist natürlich leichter, dem lautesten zuzuhören und dem zu folgen, der ins eigene Weltbild passt. Geht uns allen so. Aber ein Teil informiert sich eben auch weiter und bleibt nicht beim ersten *Alternativstand* stehen.
gerade wenn es unbequem für einen selbst wird, sollte man darüber nachdenken. Jeden Stein wenden.
Es geht nicht um schwarz oder weiß.
Es geht um grau.

Beispiel dazu:
Pro: Impfen hilft!
Contra: Impfen tötet.
Schattierung: Es gibt Impfschäden. Ja. Impfen hilft Epidemien zu verhindern.
Und so muss man - oder sollte es zumindest - jedes Thema aufbröseln. Und nicht gleich wieder die Keule raus holen.

Es brennen schon Häuser.
Und wenn Menschen in Deutschland einen Halbmond tragen müssen, dann haben wir die letzte Ausfahrt verpasst.

Think about it.