Sonntag, 20. Dezember 2015

Sonntagsgedanken 52/2015 Reichtum

Es ist noch dunkle, auch wenn es schon halb acht ist. Schon? Es ist Sonntag. Die Stadt schläft und der gemeine Bürger (gemein im Sinn von durchschnittlich, nicht im Sinne von *fies*) denkt ja, er hätte das Recht darauf am Wochenende bis in die Puppen zu schlafen. Katzenbesitzer und viele Dienstleister schnauben nur verächtlich, wenn sie das mitbekommen.
Auch wenn ich meine beiden Plagegeister erst kurz vor Mitternacht füttere so steht der kleine, rote Teufel spätestens um fünf Uhr auf mir, schnurrt, schmust, mauzt und trappelt bis ich aufgebe und ihn erneut füttere. Belohnt werde ich danach mit zwei verschmusten Katern, die mich als Liegestatt gebrauchen und mich in den Schlaf schnurren.
Die Dienstleister haben selten das Glück, dass man sie so zärtlich weckt und sich dankbar erweist. Ihr müsstet mal die Gesichter der Menschen sehen, die samstags früh morgens in der U-Bahn sitzen.
Herabhängender Mundwinkel, mürrische Blicke. Socken strickend beobachte ich meine Mitfahrgäste und schmunzle über den seligen Gesichtsausdrucks des dösenden Mannes, den hochkonzentrierten Blick des jungen Mädchens, deren falschen Nägel das Handy umklammern, dessen Display anscheinend eines anzeigt: DU bist wach, deine Freunde nicht.
Nun heute ist Sonntag und auch heute gibt es die bewährten Helfer, die anderen das Leben leichter und angenehmer machen. Katzenbesitzer legen sich noch einmal hin, Hundebesitzer laufen die erste Runde, Bauern füttern ihren Stallbestand.
Statt Schneeflocken vor den Fenstern trillieren die Singvögel, fassungslos, dass es so warm ist. Gestern ging ich im Langarmshirt einkaufen. Im Dezember. Ich bitte euch. Leben wir in Australien?
Gestern war ich arbeiten. Während ich unter der Woche die Ausbildungsbank drücke, arbeite ich am Wochenende – unentgeltlich –in einem Steuerbüro mit. Hier kann ich ohne Druck das üben, was ich unter der Woche in der Theorie durchspiele. Praxis.
Ich weiß, dass viele das anders sehen werden. Die einen werden sagen, ich lasse mich ausnutzen, andere, dass ich jemanden den Job wegnehme und gar den Lohn senke.
Ist es so? Ich darf mir für die Fälle Zeit lassen, recherchieren, bekomme die Fahrkarte bezahlt, spätestens um neun warme Brezel vom Bäcker gebracht, wurde beim Adventskalender bedacht, kann Fragen diskutieren und wenn ich für eine Klausur lerne, dann mache ich frei.
Was ich sonst noch dafür bekommen:
Nach der Ausbildung habe ich schon einen festen Arbeitsplatz mit guten Bedingungen, Kollegen die ich schon kenne. Eine Arbeitsplatzzusage VOR den Prüfungen, wer hat das schon?
Es ist der vierte Advent, der Tag dämmert herauf, Soleil schleckt schon wieder an einer Verpackung, ich habe ein warmes zuhause, Freunde, mehr als genug zu essen, ich habe eine Zukunftsaussicht, die Schmerzen halten sich in Grenzen, Grey schmust mir um die Beine.
Ich feiere weder Weihnachten, noch die Adventssonntage, ich entziehe mich dem Konsumrausch und der Schenkorgien der anderen, und doch bin ich so glücklich wie noch nie in meinem Leben. Vielleicht weil ich nicht mehr darauf schiele, was andere mehr habe als ich, sondern, dass betrachte und bewahre was ich habe. Und das verschenke was ich erübrigen kann.

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