Sonntag, 17. Januar 2016

Sonntagsgeschreibsel - 17.01.2016 *Gute Wünsche*

Vor meinem Wohnzimmerfenster wirbeln die Schneeflocken im wilden Tanz vorbei. Die Welt versinkt in weißem Schweigen, der Schnee dämpft Geräusche und Licht. Es ist ein wunderschöner Anblick.
Für mich war das Fahnenmeer auf dem Stuttgarter Schlossplatz gestern auch ein wunderschöner Anblick. Mehrere 1000 Menschen hatten sich zusammengefunden, um gegen Rassismus und Gewalt zu demonstrieren. Die Stuttgarter Zeitung brachte einen Onlinebericht, es wurde überregional darüber berichtet.
Es war für mich ein Zeichen, dass nach Köln nicht alle Menschen undifferenziert den plumpen Parolen mancher polemischen Politiker folgen. Nicht der stumpfen Angst Eingang in ihren Kopf gewähren, so dass diese Angst die Vernunft und den Intellekt ersticken – falls beides vorhanden gewesen wäre.
Unter dem Artikel der Stuttgarter Zeitung https://www.facebook.com/stuttgarternachrichten/posts/10154064510336777?comment_id=10154064756446777&notif_t=like kam es relativ schnell zu Reibereien zwischen den Menschen, die trotz Köln, oder eben wegen den Vorkommnissen in Köln gegen Pauschalverurteilungen sind und den Menschen, die meinen, dass solche Vorkommnisse eben ihre Vorurteile bestätigen.

Was mir dann einer der Kommentatoren wünschte veranlasste mich das heutige Thema der Sonntagsgedanken kurzfristig zu ändern. Das Thema Integration knöpfe ich mir kommenden Sonntag vor.

Da alles auf einer öffentlich zugängigen Seite geschrieben wurde begehe ich keine Verletzung der Persönlichkeitsrechte. Einer der Kommentatoren wünschte mir an den Hals, dass mir doch einmal so etwas wie in Köln widerfahren sollte. Und um dies geht es heute. 




Ich habe mich dazu entschlossen Herrn Winser einen offenen Brief zukommen zu lassen:

Sehr geehrter Herr Winser,
 nein, ich gehöre nicht zu *der einen Sorte* wo (typisch süddeutsch, es müsste *die* bzw. *welche* heißen) klatschend die Züge  empfing. Ich klatsche nicht für Züge, ich klatsche auch nicht, wenn ein Pilot ein Flugzeug sicher landet. Nicht, dass Sie jetzt denken, ich hätte nicht verstanden was Sie meinten.
Ich gehöre trotzdem nicht zu den Menschen, die irgendetwas bejubelten. Trotzdem war und bin ich mit der Entscheidung der Bundeskanzlerin einverstanden. Menschen in Not verpflichten zu Hilfsmaßnahmen, unabhängig wo sich diese Menschen sich gerade aufhalten, welche Religion sie ihr Herz schenken, welche Hautfarbe und welchen Pass sie haben.
Von Anfang an war mir, *eine von der Sorte*, bewusst, dass da eine Megaaufgabe auf uns zurollte, zusammen mit den Menschen die da kamen. Nein, ich dachte nicht, dass da nur gutgebildete, offene, tolerante Menschen kommen würden. Ich bin zwar Optimist, aber keine hoffnungslose Träumerin. Für mich zählen aber das Grundgesetz und menschliche Werte.

Was in Köln geschah war, gelinde gesagt, eine Sauerei. Nie, nie würde ich anderen Frauen - oder Männern, so etwas wünschen, egal was diese Frauen und Männer von sich geben würden. Das geht vollkommen an meinem Verständnis der Menschlichkeit vorbei.
Sie gehen davon aus, dass ich, *einer von der Sorte* nicht weiß, was sexuelle Übergriffe bedeuten, dass ich nicht weiß, was in solchen Frauen vorgeht? Woher nehmen Sie sich das Recht heraus so über mich zu denken? Es ist eine Annahme, die leider der Wirklichkeit nicht gerecht wurde.
Ich wurde schon einmal Opfer körperlicher Gewalt - als ich 20 Jahre alt war meinte mein damaliger Beziehungspartner er könne einen Streit damit beenden indem er mich schlug.
Ein deutscher Mann.
Mir fasste mir einmal ein Mann an die Brust, er war eindeutig aus dem Mittelmeerraum. Die schallende Ohrfeige wird er nie vergessen haben. Deswegen verdächtige ich jetzt nicht jeden Italiener, Türken oder wen auch immer mir unbedingt an die Brüste fassen zu wollen.
Aufgrund polizeilicher Ermittlungen musste ich als Zeugin einmal vor Gericht gegen eine Gruppe krimineller Marokkaner aussagen – es war in den 90igern. Sie können nicht einmal im Ansatz erfassen, was für eine Scheißangst ich hatte. Die hatten regelmäßig den Laden, in dem ich damals arbeitete, leergeräumt. Unsere türkischen Sicherheitsleute haben uns Frauen abends dann oft bis nach Hause gebracht.
Also brauchen Sie sich nicht mehr zu wünschen, dass mir so etwas geschieht.
Aber trotzdem halte ich nicht alle Marokkaner für Verbrecher. Wieso sollte ich?
Ich habe, um mein Studium zu finanzieren unter anderem auch als Bedienung gearbeitet, in Kneipen und auf Dorffesten. Was ich hier erlebte änderte das Männerbild, welches 
ich hatte (was für ein naive Landei ich damals noch war) , vollkommen. Ich hatte mehr als einmal alle Hände voll zu tun die Hände der Männer abzuwehren – mal ganz abgesehen davon, was sich Männer so erlauben uns Mädels an den Kopf zu werfen - und manchmal mussten Kollegen oder Chefs eingreifen. Aufgrund meiner roten Haare dachten wohl einige - *die ist heiß.....*. Meine Kolleginnen aller Nationen und Haarfarben hatten genau die gleichen Probleme. Mit Männern aller Art, aber hauptsächlich deutsche Männer, die enthemmt durch den Alkohol, ihrer frauenverachtenende Grundeinstellung freien Lauf ließen. Die dünne Schicht der gesellschaftlichen Norm war verschwunden.
Sie wünschen mir solche Erfahrung wie solche in Köln, dann reden Sie noch einmal mit mir? Die von mir gemachten Erfahrungen haben mich nicht dazu gebracht ALLE Männer für Arschlöcher zu halten. Das unterscheidet uns.
Man kann dafür sein, dass betreffende Täter die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekommen, ohne alle zu verurteilen. Die Täter von Köln bringen mich nicht dazu zur Rassistin zu werden. Oder nach Gewalt zu rufen. Und das war das Thema der Demo in Stuttgart. Und nicht einen Freispruch aller Kriminellen zu fordern.

Eine Freundin schrieb auf meiner Pinnwand zu Ihrem Kommentar folgendes:

 „Unglaublich. Wieso versteht dieser Mob nicht, dass man differenziert warmherzig sein kann und dabei gleichzeitig Erwachsen und mit dem Wissen ausgestattet, dass diese Menschen weder Engel, noch alle kriminell sind.“

Ich möchte Sie nicht als Teil des Mobs bezeichnen. Denn ich kenne Sie nicht. Deswegen wünsche ich Ihnen und Ihren Reptilien auch nichts Böses. Aber ich wünsche Ihnen , dass Sie differenzierter an manche Dinge herangehen und sich nicht von den plumpen Parolen mancher Menschenfischer einfangen lassen.
Die Täter von Köln gehören nach dem geltenden Recht be- und verurteilt. Aber nur sie. So wie alle anderen Täter in ganz Deutschland. Aber die Menschen, die zu uns geflüchtet sind, jetzt unter einen Generalverdacht zu stellen ist, in meinen Augen, einfach und falsch.
Denn Sippenhaft gab es schon einmal in Deutschland. So wie Fremdenhass und Unmenschlichkeit – im Dritten Reich.
Wünschen Sie sich so etwas wirklich?
Wirklich?

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, trotz Ihrer Worte bzw. eben wegen Ihrer Worte, dass Ihnen nichts Schlimmes widerfahren soll, auch nicht Ihren Freunden und Ihrer Familie.
Nennen Sie mich ruhig Gutmensch, denn ich versuche lieber differenziert und human zu bleiben als ein Schlechtmensch zu werden.
Mit freundlichen Grüßen
Marianne Kreichgauer


Kommentare:

  1. Sehr guter Brief, Marianne. Ich hoffe, dass jene Menschen ihn lesen, die so denken, wie der Adressat und sich ein paar Gedanken machen. Ich mag deine differenzierte Art, zu argumentieren und freue mich, dass es auch mal Kommentare zum Thema gibt, die nicht noch mehr Hass schüren. Vielen Dank!

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    1. Danke dir.Leider sehe ich die Entgleisungen auf beiden Seiten immer und immer wieder.

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