Sonntag, 10. April 2016

Das Spiel der bösen Buben - Sonntagsgedanken 10.04.2016

Sonntag. Endlich einmal ausgeschlafen. Trotz Katzen. Trotz der Fütterung um sechs Uhr. Wahrscheinlich schwankte ich wie ein Zombie durch die Wohnung, automatisiert durch den täglichen Vorgang, kaum ein Erinnerungsnebel daran in meinen grauen Zellen als ich gegen neun endgültig aus dem Reich des Schlafes in das Hier zurückkehrte. Ich kann mich daran erinnern, dass Soleil bettelte und ich aufstand, aber wie ich in die Küche kam oder die Futterpäckchen aufriss – es liegt im Dunkel und auch nicht der verrückteste Entdecker hätte auch nur den Ansatz eines Wunsches das Geheimnis zu lüften. Jetzt, nach dem zweiten Frühstück (das der Katzen) sitze ich mit einem Pott Kaffee und Haaren, auf die der Struwwelpeter oder auch ein aufgeplatztes Sofakissen voller Neid blicken würden, vor dem Monitor und der Tastatur.

Thema?
Ich habe mir seit Donnerstag darüber Gedanken gemacht, auch wenn ich immer erst sonntags, morgens – komplett verpeilt – die Gedanken dann niederschreibe.
Es gibt viele Themen zurzeit. Ach wie schön ist Panama. Und – jedem seinen Briefkasten? Samt Firma? Die Verlogenheit der betreffenden Regierungsstellen, die es stillschweigend akzeptierten und jetzt ein großes Tohuwabohu abhalten, mit viel Tamtam – NACHDEM JOURNALISTEN mal wieder den Stein ins Rollen gebracht haben.
Da fällt mir ein – wenn ihr die Gelegenheit habt euch noch *Spotlight* anzusehen. Machte es! Lohnt sich. Finde ich jedenfalls.
Ne, Panama ist es nicht. Nur die Frage – wo sind hier die besorgten Bürger, wo ist hier das Geschrei? Ah so, das sind Mächtige, man tritt ja lieber nach unten, auf die Schwächeren.
(Kurz die Katze von der Tastatur fernhalten.)
Oder der Echo. JA der, nicht das. DAS Echo hallt in den Bergen zurück, DER Echo wird verliehen. Anhand der Verkaufszahlen der (zweite Katze von der Tastatur gehievt) Musikindustrie: Das Ergebnis? Nun, dass ganz viele Deutsche  Musik hören, die ich nicht einmal unter starken Alkoholeinfluss ertragen würde. Nun – das hat etwas mit Geschmack zu tun. Bis – bis auf der Preisverleihung für Freiwild. Sie haben einen echten RECHTEN Hintergrund, distanzieren sich nun – Shitstorm der betreffenden Fans – sind sie jetzt Engel? Solange sie noch auf einschlägigen Festivals spielen, glaube ich denen kein Wort. Aber auch hier? Wo bleibt der Aufschrei der (Nicht) Empörten? Wo sind die Künstler, die deswegen aufstehen und der Veranstaltung den Rücken kehren? Das einzige was passierte war ein Sturm im Wasserglas im Netz und den sozialen Medien.

Aber auch das hier ist nicht wirklich das Thema.
Ja was jetzt. Was regt mich so auf, dass ich wirklich etwas dazu zu sagen habe?

SATIRE
Ach, wie viele Facebooker hatten *Je suis Charlie Hebdo* als Profilbild. Eine Großzahl Menschen dieser Welt empfanden die Karikaturen der Zeitschrift immer und immer wieder als Provokation und Beleidigung. Man stritt sich darüber. Durften sie das Haben sie nicht selbst verschuldet, was ihnen geschah (was mich ja immer wütend macht, wenn man den Opfern eine Mitschuld gibt), war es geschmacklos was sie da abdruckten (war es oft), war es beleidigend (in Augen der betroffenen ja schon). Charlie Hebdo steht für etwas: für bitterböse Satire.
Satire soll keinen Spaß machen. Wenn einem das Lachen im Hals stecken bleibt, dann hat sie gesessen, dann hat sie das Ziel genau zwischen den Augen getroffen.
Satire ist nicht lustig. Das wäre dann Comedy (die übrigens auch geschmacklos sein kann). Satire ist nicht so feinfühlig wie Ironie und nicht so verächtlich wie Zynismus (der allerdings auch verletzend sein kann). Sarkasmus ist auch anders. Satire zielt auf den wunden Punkt, bohrt darin herum und streut noch Salz und Pfeffer nach. Satire hält der Gesellschaft diesen kleinen, bösen Spiegel vor, reißt ihr die Maske vom Gesicht. Als Witz getarnt kommt die Wahrheit daher und das schmerzt dann doch viel zu oft und die getroffenen Hunde bellen die ganze Nacht und heulen den Mond an.
Nein. Ich mag Jan Böhmermann nicht verteidigen. Oder doch? Sein Schmähgedicht gehört nicht gerade zu seinen Glanzleitungen. Bestimmt nicht. Aber die Affäre Böhmermann ist nur noch eine Steigerung: Der deutsche Botschafter wurde nach einem Extra3 Beitrag über Erdogan einbestellt. Hier regte sich noch leise Kritik und der Beitrag der Satiresendung wurde in den you tube Himmel geklickt. Der bloßgestellte und seine Reaktion machten ungewollt Werbung.

Nun Böhmermann hat etwas (?) zu tief gegriffen, an die Kronjuwelen. Und hat vielleicht den schmalen Grad verlassen, auf dem sich die Schlampe Satire immer zu bewegen hat. Ob ich den Beitrag gesehen habe – nein. Er war schon gelöscht, als ich es mitbekam. Aber ich verfolge nun seit Tagen im Netz und in den Nachrichten was gerade abgeht.
Was sich für mich herauskristallisierte war: Wir (die Deutschen und die anderen europäischen Länder) bedienen uns eines nicht ganz koscheren Regierungschefs, damit der für uns die Drecksarbeit erledigt. Und die Menschenrechtsverletzungen, die unter seiner Regentschaft geschehen, werden beflissentlich übersehen, damit sich Europa nicht selbst die Hände schmutzig machen muss.
Ich kann nur noch müde lächeln und den Kopf schütteln.
Europa hat keinen Dreck am Stecken, Europa badet gerade im Blut der ganzen Toten, die es durch Waffenlieferungen (ja, deutsche Arbeitsplätze werden gesichert), durch Wegsehen und nicht handeln mit zu verantworten hat. Und ganz direkt durch die unterlassene Hilfeleistungen den Flüchtlingen gegenüber.
Ich schüttle den Kopf über diese Verlogenheit. Böser, böser Jan. Wie kannst du nur jemanden beleidigen während wir gerade angestrengt versuchen wegzusehen, schönzureden oder zu rechtfertigen. Böser, böser Jan, wie kannst du uns nur aufzeigen, mit wem wir da zusammenarbeiten.
Ach Jan, vielleicht hättest du nicht so dick auftragen sollen. Aber da sie dich zensiert haben kann ich mir darüber – nicht über das WAS, aber über das WIE - noch nicht mal eine eigene Meinung bilden.
Aber jetzt Haft zu fordern? Auf den Pfaden Erogans wandeln? Pressefreiheit und Kritik als Verbrechen behandeln? Ich weiß ja nicht. Rüge? Ja, vielleicht. Entfernung des Beitrags? Da, bekomme ich schon Bauchweh. Aber ihn jetzt wie einen Verbrecher jagen? Nein!
Aber er hat schon das Angebot der Rechtsanwältin des Titanic- Magazins ihn zu verteidigen. Das freut mich.

Aber der Rest hat mich wirklich aufgeregt diese Woche.

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