Sonntag, 10. Juli 2016

Erlaufe deine Stadt

Im Schwarzwald hatte ich den Wald direkt vor der Tür, bzw. hinter der Hintertür. Wald. Ganz viel Wald. Schöner Wald. Wald. Ziemlich viel Wald.
Oder wie Hans sagen würde: "Zuviel Gegend hier".
Als Landei geboren wurde ich relativ schnell eine Stadtpflanze und bin es immer noch. Ich mag *Stadt*. Ich mag es so viele Eindrücke zu erfahren - Menschen, Motoren, Mode, Männer, Mädchen und und und.
Wenn man mit dem Auto durch eine Stadt fährt kann man zwar auch einiges sehen. Aber man spürt nicht den Straßenbelag, riecht nicht die einzelnen Gerüche, spürt nicht die Luft.
Klar, Straßenlärm ist Straßenlärm, Abgase stinken und Stuttgart ist (noch) eine autodominierte Zone, auch wenn sich an allen Ecken und Enden Widerstand regt. Manchmal als kleine Revoluzzeridee (Parking day), manchmal als Stadtversuch (Shared Area/Fahrradstraße) oder als Freiluftlabor (Parklets). Einmal im Monat machen sich Fahrradfahrer als Critical Mass auf - genehmigt. Alles was ich hier genannt habe sind genehmigte Aktionen. Um die es im heutigen Artikel auch nicht gehen wird.

Seit dem 30.6.2016 bin ich wieder in Stuttgart, noch keine zwei Wochen und da war es plötzlich: Ich wachte morgens auf, noch habe ich frei, und dachte -hey. laufen, das wäre es jetzt. Aber wie es so ist... erst einmal verworfen, gefrühstückt, und dann den Rucksack geschultert, um einkaufen zu gehen.

Meine Füße entschieden sich anders. Statt den kürzesten Weg einzuschlagen trugen sie mich zur Karlshöhe. Langsam und stetig schritten sie, ganz ihrem eigenen Willen folgend, den Hügel hinauf zum Biergarten, von dem man einen schönen Blick zum Fernsehturm hat.


Die Karlshöhe "trennt" Süd und West, auf der Nordseite reckt sich das Allianzgebäude breit in den Himmel,
Hat man den Scheitel überschritten geht es schnell bergab und man steht hinter dem Heslacher Hallenbad und kann die Stufen hoch zur Hasenbergsteige. 

Ich verschwendete nur einen Gedanken und dann ging es die Treppen hoch. 
Eine zeitlang ging es eben weiter, dann kam die nächste Staffel. Und noch eine. 
Hier herrscht die Ruhe der betuchten Halbhöhenlage. Wer den richtigen Riecher hatte und hier ein Grundstück und eines der alten Häuser kaufte hat heute eine Altersversicherung, die seinesgleichen sucht. Man ist hier über dem Mief im Kessel erhaben. Bummler verirren sich selten hierher, muss man doch eine Staffel nach der anderen hoch und auch wieder runter. Oder man fährt mit dem Auto. 


Nachdem ich über eine Stunde unterwegs war - in Zehensandalen von Birkenstock - kamen mir langsam Zweifel. Es wurde heiß, aber Lust aufzuhören hatte ich nicht. Und es gab und gibt hier soviel zu sehen. Überall wächst etwas, die Mauersegler fliegen so tief, dass man sie fast mit den Händen greifen kann. Moderne Neubauten wechseln mit alten Villen, fast mediterran mutet manches hier an.
Ich konnte mich nicht satt sehen.
Trotzdem wandte ich mich talwärts. Und fand mich in der Nähe des Bihlplatzes wieder. 

Von hier aus kann man zwar an den Straßenbahnschienen entlang zurücklaufen - oder man streift durch die kleinen Seitenstraßen, erlebt ein anderes Stuttgart mit alten, kleinen, schnuckeligen Häusern, alten Bauerngärten, kommt beim Ritterstübchen vorbei. 



Es war jetzt richtig heiß.
Als straight nach Hause, vorbei an der Kirche am Erwin-Schöttle Platz. Die Vorbereitungen für das Afrikafestival waren im vollen Gange. Weiter zum Marienplatz, die Cafes voll mit Menschen, die den späten Morgen genossen und in den Tag bummelten, zwischen sie mischten sich die ersten Büroangestellten zur Frühstückspause. An der Eisdiele herrschte schon reger Andrang obwohl es gerade erst halb elf war.

Ich hatte es jetzt nicht mehr weit, erledigte meine Einkäufe und kam relativ fit zuhause an. Seitdem laufe ich. Jeden Tag. Nehme eine andere Straßenbahnlinie, steige irgendwo aus wo ich eine Staffel entdecke und lauf sie hoch. Sie Stuttgarter heißen nicht umsonst Stäffelesrutscher. Aber das ist eine andere Geschichte

Seit vergangenen Donnerstag bin ca 30 km gelaufen. Und morgen geht es weiter. Früh. Auch wenn es Sonntag ist. Es soll ja heiß werden. Wasser, Rucksack, Mütze und Decke. Irgendwo werde ich ein lauschiges Plätzchen finden, zeichnen, lesen oder einfach nur gucken und in den Himmel träumen.

Dienstag, 5. Juli 2016

Meine Stadt, meine Heimat - eine Liebeserklärung

Ich bin hier nicht geboren. Ich spreche einen anderen Dialekt. Ich komme vom Land.
Die letzten zwei Jahre habe ich nur die Ferien und die Wochenenden in meiner Wahlheimatstadt verbracht.
Wie sehr ich sie vermisst habe, was mir fehlte, wird mir jetzt erst wirklich bewusst.
So schön der Schwarzwald ist, so angenehm das *Putzalltagsfreie* Internatleben war:
ich bin Stuttgarterin durch und durch.
Viele nennen meine Wahlheimatstadt hässlich und verweisen auf den im 2. Weltkrieg komplett ausgebombten Stadtkern.
Sie sehen was sie sehen wollen. Oder sie nehmen meine Stadt einfach anders wahr.
Und sie dürfen sie gerne für hässlich halten. Meinungsfreiheit.
Stuttgart war nicht sofort meine große Liebe. Als Landei fühlte ich mich am Anfang hier sehr verloren. In der Zwischenzeit weiß ich allerdings: Die Welt ist ein Dorf und Stuttgart ist der Vorgarten der alten, verschrobenen Frau, die kleine Kinder erschreckt.
Im ersten Moment nicht sehr schön, aber im Herzen eine Perle und Oberstübchen ganz schön helle.
In jedem Vorgarten wächst Unkraut (Baustellen) und der hellste Verstand hat Aussetzer (Abrisswut).
Stuttgarts Gesicht wurde sehr stark durch einen gewissen Herrn geprägt (Klettverlag), der früher viel zu sagen hatte. Früher und damals.
Stuttgart ist eine der buntesten Städte die ich kenne, auch wenn das wilde Durcheinander durch Gentrifizierung und Größenwahn gefährdet wird.



Seit ein paar Tagen bin ich wieder ganz da. Und ich atme jeden Tag tiefer durch, *komme runter*, laufe durch die Stadt, treffe jedesmal zufällig jemanden aus meinem Bekanntenkreis. Man bleibt stehen, schwatzt, lacht, umarmt sich. An jeder Ecke lauert ein Café, dass einen zum Verweilen einlädt. Hat man Zeit verweilt man. Für jeden Geschmack gibt es etwas. Die Stadt ist groß, weit, wenn man mal den Kessel verlässt. Mein Brot hole ich bei einem Bäcker in Rohr, oder bei meinem Bäcker ums Eck, im Heusteigviertel.
Gemüse vom Wochenmarkt auf dem Marktplatz oder dem kleinen Händler in Rohr und Freitags auf dem Markt am Wilhelmsplatz. Manchmal Samstags in Cannstatt, da gibt es auch Nudeln, Metzgerwaren, Eier, Milchprodukte - wie auf dem Wilhelmsplatz in Stuttgart.

Stuttgart ist mehr als die Innenstadt und die Einkaufsmeile mit ihren Konsumtempeln, oder das Milaneo. Aber auch sie haben ihre Berechtigung. Kurz ein Ladekabel organisieren, zum Schuster, oder oder oder. Das Konsumangebot ist riesig, aber man muss ja nicht.
Im Gegensatz dazu stehen dann die alten Plätze, die kleinen Parks in den verschiedenen Stadtteilen, die eingemeindeten Vororte, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint und die Kehrwoche noch ernst genommen wird.



Stuttgart ist eine witzige Mischung aus Provinzstadt mit Metropolträumen. Ich mag die Gegensätze.
Es war keine Liebe auf den ersten Blick, aber ich irgendwann erlag ich den Charme der schwäbischen Maid im mondänen Abendkleid der Mutter, das nicht so richtig passen will, und in den viel zu hohen Schuhen ständig umknickst.